© Lisa Ossenbrink für Welttierschutzgesellschaft

Reportage aus Ostafrika: Kein Leben ohne Tiere

Ausgezehrt und hoffnungslos: Das Leid von Mensch und Tier gleichermaßen, das ich im Rahmen meiner Reise in den ostafrikanischen Ländern Uganda und Ruanda erlebte, war ein eindringlicher Hilferuf. Es kann keine nachhaltige Hilfe gegen Hunger und Armut ohne die Berücksichtigung von Tierschutz geben. Verfolgen Sie im Bericht nach, wie ich hautnah spürte, was unsere Tierschutzarbeit jetzt bewegen kann.

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Über vier Stunden sind wir jetzt bereits quer durchs Land Uganda gefahren und es scheint, als hätte ich bereits alles gesehen: Den tosenden Lärm in der Hauptstadt Kampala, die endlose Weite der Felder am Stadtrand – und mittendrin die vielen, wirklich unzähligen Menschen, die auf jede möglich scheinende Art und Weise Überlebenswichtiges transportieren. Lange Bambusgräser auf Dächern von überfüllten Minibussen, Wasserkanister auf Motorrädern und Tiere wie Schafe und Ziegen, die verbunden mit Seilen von Kindern geleitet werden …

© Lisa Ossenbrink für Welttierschutzgesellschaft

Ich bin an der Seite unseres Partners David Balondemu unterwegs, dem Leiter der Bam Animal Clinics, für den all das gewohnter Alltag ist. Nahezu jeden Tag ist der Tierarzt mit seinen Team-Kolleg*innen im Einsatz – „wo immer uns die Tiere am meisten brauchen“, will er mit der Organisation aktiv sein. Gemeinsam mit ihnen und der Welttierschutzstiftung stärken wir den Tierschutzgedanken vor allem durch die Weiterbildung von praktizierenden Tierärzt*innen. Die Kurse unseres Programmes TIERÄRZTE WELTWEIT, das David in Uganda leitet, sind dafür mittlerweile offiziell als Fortbildungseinheit akkreditiert. Nach theoretischen Einheiten soll es dabei für die praktizierenden Tierärzt*innen immer direkt in die echte Praxis gehen – raus aus den Städten, in denen sie oftmals nur Haustiere behandeln, und hinein in die Dörfer, wo es Tiere wie Esel, Rinder und Schafe sind, die dringend Versorgung brauchen.

Auf eben diesem Pfad begleite ich David einige Tage.

© Wiebke Plasse - WTG e.V.

Je weiter wir uns dafür in den Norden und damit die dörflicheren Regionen bewegen, desto stärker sichtbar wird auch die Armut: Die Menschen hier sind nur noch zu Fuß unterwegs – oft barfuß. Kinder, unzählige, führen Tiere umher, Frauen und Männer schleppen Wasserkanister von den Quellen in die Häuser und transportieren andere schwere Erntegüter – fast alle sind mit Tieren unterwegs. Es sind unzählige – Rinder, Schafe, Ziegen und Esel, die unseren Weg kreuzen.

© Lisa Ossenbrink für Welttierschutzgesellschaft

Landwirtschaft ist für den Großteil der Menschen in diesen dörflichen Regionen in Uganda die einzige Option. Sie betreiben sie zur Selbstversorgung – für ein Einkommen reicht es bei den meisten nicht.

© Wiebke Plasse - WTG e.V.

Auch für uns geht es jetzt mit dem Auto nicht mehr weiter. Wir sind in der bergigsten Region Ugandas angekommen, unweit der Grenze zu Kenia. Es gibt jetzt weder Handynetz noch Elektrizität, nicht einmal fließend Wasser. Und doch leben hier tausende Menschen.

UGANDA

Das ostafrikanische Uganda ist als „Perle Afrikas“ bekannt, da es üppige Landflächen und artenreiche Tierwelt sowie die Quellen des Nils und Viktoriasees bietet. Tourismus spielt auch aufgrund der Nationalparks und Schutzgebiete für Berggorillas eine große Rolle. Zwar verzeichnet das Land zunehmend auch wirtschaftliche Investitionen aus dem Ausland, die Armut und der Hunger unter den 47 Millionen Menschen bleiben aber beklemmend groß: Mehr als ein Drittel der Bevölkerung ist unterernährt, weniger als 10 Prozent haben einen Trinkwasserzugang. Etwa 70 Prozent leben unmittelbar von der Landwirtschaft – der Großteil zur Selbstversorgung und mit Hilfe von Tieren.

Auf dem Rücken der Esel: Wo die Last besonders schwer wiegt

© Wiebke Plasse - WTG e.V.

Hier in atemberaubender Kulisse und endloser Weite sollen sich heute nach und nach immer mehr Esel einfinden, denen wir im Rahmen einer mobilen Klinik Versorgung bieten können. Mit Hilfe der lokalen Regierung und Team-Mitgliedern unserer Partnerorganisation wird Wochen zuvor auf Tage wie diesen hingearbeitet – per „Word of Mouth“, also nur durch das Weitersagen von Mensch zu Mensch, wollen wir Esel-Halter*innen von einer tiermedizinischen Versorgung überzeugen. Viele müssen dafür lange Strecken auf sich nehmen – und doch: Es sind letztlich etwa 60 Menschen mit ihren 100 Eseln diesem Angebot gefolgt. Für viele der Tiere ist die Entscheidung ihrer Halter*innen lebensrettend:

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Dieses Eselfohlen beispielsweise: Es ist unterernährt, von Parasiten übersäht. Mit Seilen um den zarten Körper stellt sein Halter sicher, dass es bei ihm bleibt – denn er braucht das Muttertier für die Lasten, die er tagein tagaus vom Feld ins Dorf bringt. Gemeinsam gehen die drei mehrmals am Tag den kilometerweiten Weg vom Dorf auf die höheren Ebenen des Berges, zehn Monate im Jahr, ganz gleich der Wetterbedingungen. Es ginge um die Ernährung seiner Familie.

Andere Esel werden mit Baumaterialien wie Steinen bepackt; zu schwer – denn weil der Weg lang und beschwerlich ist, müsse er sich lohnen. Ich beobachte immer wieder, wie die Menschen mit harten Stöckern mutwillig auf die Esel schlagen, die sich unter den schweren Lasten auf ihren Rücken kaum noch auf den Beinen halten können.

© Lisa Ossenbrink für Welttierschutzgesellschaft

Ich erfahre zudem, dass Esel hier zunehmend auch gemietet werden, wenn sich jemand keinen eigenen leisten kann. Zwei Euro koste eine Strecke umgerechnet, sie sei sechs mal pro Tag buchbar. Zwölf Mal – rauf und runter – müssen die Esel also die schweren Lasten tagtäglich tragen. Ruhepausen zum Grasen und Trinken hätten sie nur während der Beladung und über Nacht.

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Den Eseln ist die harte Arbeit schmerzlich anzusehen: Sie weisen Wunden auf. Zahlreiche solcher Verletzungen sind augenscheinlich unbehandelt geblieben.

© Lisa Ossenbrink für Welttierschutzgesellschaft

Besonders sticht für mich dieser Esel hervor. Sein Körper ist von Wunden gezeichnet, er steht nur teilnahmslos da – grast nicht einmal. Als ich auf ihn zugehe, will er zunächst noch davonlaufen; doch er humpelt zu stark, sackt immer wieder ein. Dann fügt er sich seinem Schmerz und lässt sich auf den Boden fallen.

© Lisa Ossenbrink für Welttierschutzgesellschaft

Wir nehmen ihm uns sofort an. Während die Tierärzt*innen unermüdlich behandeln, sitze ich bei ihm, halte den Kopf, streichle sanft über seine Stirn und spreche mit leiser Stimme: "Alles wird gut." Aber wird es das? Es ist, als spüre er zum ersten Mal Fürsorge und Zärtlichkeit. Was hat er für einen Leidensweg ertragen müssen, um jetzt hier wohl zum ersten Mal in seinem Leben eine tiermedizinische Versorgung zu erhalten?

Zunächst werden seine Wunden versorgt, die Hufe gereinigt, wobei klar wird: Der Esel hat in beiden Vorderhufen schwere Entzündungen. Jeder Gang bedeutete eine Höllenqual.

Schwer wog das Leid dieses Esels bevor er unsere Hilfe erhielt © Lisa Ossenbrink für Welttierschutzgesellschaft

Rund um uns hat sich binnen der Behandlung eine Traube an Menschen gebildet. Es sind insbesondere Kinder, die gebannt bei jedem Schritt zuschauen – leise murmelnd kommentieren sie alle Handgriffe. Als die tiermedizinische Versorgung abgeschlossen ist und wir den geschwächten Esel wieder auf die Beine bringen wollen, setzt sich einer der Jungen noch neben mich. Vorsichtig schmiegt er sich gar an mich, streckt seine Hand zum Esel und streichelt dann sanft über die Stirn des Esels.

„So?“ fragt er vorsichtig und schaut mich dabei schüchtern an.

Ich habe Tränen in den Augen, zeigt mir dieser Moment doch, dass wir nicht nur durch tiermedizinische Versorgung Tierleben retten, sondern auch als Vorbilder für einen besseren Umgang mit den Tieren etwas bewegen.

© Lisa Ossenbrink für Welttierschutzgesellschaft

Im Laufe des Tages werden die fast 100 Esel allumfassend versorgt: Sie erhalten ganz genau, was sie brauchen: Impfungen, Anti-Parasitika, Hufpflege – und sensible, eindringliche Gespräche mit den Halter*innen, damit es so weit wie jetzt nie wieder kommen muss. Mit lauter und deutlicher Stimme sagt David Balondemu dabei immer wieder:

  • „Esel sind unsere Freunde und Helfer.
    Wir schlagen unsere Freunde nicht.
    Wir überladen sie auch nicht mehr.
    Wir sind hier, um euch zu sagen:
    Esel sind fühlende Wesen, die Eurer Fürsorge bedürfen.

Die Halter*innen hören interessiert zu. Sie überzeugt auch die Sorge: Denn nur ein gesundes Tier kann ihnen bei der Bewältigung des Alltages helfen – sie wissen, wie wichtig die Tiere für sie sind. Deshalb stoßen wir auch auf offene Ohren, wie sie ihre Tiere besser behandeln können, wie viel Beladung zu viel ist und wie oft sie ihnen zwingend Ruhepausen ermöglichen müssen.

Begleiten Sie weitere Aktivitäten des Tages in der Bilderstrecke:

Als wir uns dann kurz vor Einbruch der Dunkelheit auf den Rückweg machen, sind wir müde, aber schwer beeindruckt. Mir wird klar:
Mensch und Esel kamen als Fremde, doch sie gingen als Freunde – wir konnten den Bund dieser wichtigen Mensch-Tier-Beziehung knüpfen.

Helfen Sie bitte: Schon mit 5 Euro im Monat sichern Sie treu zwei Eseln eine umfassende tiermedizinische Versorgung im Rahmen einer mobilen Klinik.

Klimakrise – die Not noch einmal vor Augen

Doch der Weg zurück sollte beschwerlich sein und uns eindringlich erinnern, warum ihn hier in dieser abgelegenen, bergigen und schlecht ausgebauten Region nur die Multitalente Esel meistern können: Der Regen hat eingesetzt, der Boden ist eine einzige Schlammmasse, die uns mehrmals mit dem Auto ins Schwanken bringt – nicht ungefährlich mit Blick auf den ungeschützten Abgrund. Dann zieht Nebel auf, der uns die Sicht völlig verhindert und eine Weiterfahrt unmöglich macht. Wetterextreme wie plötzlicher Nebel, der zu Starkregen, Hagel und Überschwemmungen führt sind Folgen der Klimakrise und trauriger Alltag in Uganda. Das Land zählt zu den zwölf am stärksten vom Klimawandel betroffenen der Welt. 

© Wiebke Plasse - WTG e.V.

Ich bin erschrocken, als ich nach unserer Ankunft erfahre, dass erst vor einigen Wochen an genau dieser Stelle 15 Menschen ums Leben gekommen sind. Die Folgen der Klimakrise – zerstörte Ernten und unbezwingbare Wege – verschärfen die Not noch: Armut nimmt zu, Nahrungsmittelnot lässt Menschen hungern. Und obwohl der Einsatz der Tiere immer bedeutender wird, sind die Bedingungen diese zu leisten immens erschwert.  

Nur Tiere können das Überleben sichern

Wenige Tage später bin ich dann in Ruanda und erlebe ein Déjà-Vu. Auch hier ist das Wetter die letzten Wochen außer Kontrolle, „die Klimakrise ist in diesem Jahr brutal“, sagt man mir mehrfach. Der Regen habe viel zu früh eingesetzt und in viel zu großer Intensität die Saaten zerstört. Das verschärfe die Not der Menschen drastisch. Sichtbar wird das insbesondere auch wieder in jenen Gebieten, auf die sich unsere Arbeit konzentriert: fernab der nächsten größeren Stadt, in ländlichen Regionen, wo Mensch und Tier gemeinsam zur Selbstversorgung leben.

Ich bin hier mit Jean-Claude Masengesho, dem Leiter unserer Partnerorganisation Rwanda Animal Welfare Organization (RAWO), am Fuße einer der acht Virunga-Vulkane nahe der Grenze zum Kongo im Einsatz. Über hügelige Straßen geht es zum Teil mit dem Auto, später kilometerweit nur noch zu Fuß bergauf:

© Wiebke Plasse - WTG e.V.

Auch hier in Ruanda spielt sich der Großteil des Lebens der Menschen und ihrer Tiere in nahezu unbezwingbaren Regionen ab.

RUANDA

Ruanda ist Nachbarland von Uganda und Heimat von 14 Millionen Menschen – es gilt als das am dichtesten bevölkerte Land Afrikas (Vgl. auf gleicher Landgröße in Mecklenburg-Vorpommern leben 1,6 Mio. Menschen). Gleichzeitig zählt Ruanda zu den ärmsten Ländern der Welt – fast die Hälfte der Menschen leben in extremer Armut, mehr als jeder Dritte ist unterernährt.

Ruanda ist als „Land der tausend Hügel“ bekannt und weist durch satte Böden und gute klimatische Verhältnisse optimale Bedingungen für den Anbau von Rohstoffen wie Süßkartoffeln, Bohnen, Kochbananen und Mais auf – mehr als 75% der Menschen sind demnach in der Landwirtschaft tätig, doch die Folgen der Klimakrise werden immer stärker spürbar. Für den Großteil besteht der Hauptgrund für die Landwirtschaft in der Selbstversorgung, denn für mehr reiche es nicht. Fast drei Viertel sichern dabei ihr Überleben unmittelbar nur noch durch den Einsatz von Tieren.

Ziel dieser Etappe ist es, Tierhalter*innen direkt in ihren Dörfern zu besuchen – eine der Routine-Aufgaben von Jean-Claude. Wir gehen dafür von Haustür zu Haustür – immer mit denselben Fragen an die Tierhalter*innen:

  • Wann hast Du dem Tier zuletzt Wasser gegeben? Wie oft fütterst Du die Tiere?“,

will Jean-Claude zum Beispiel von diesem Jungen wissen, der sich über unseren Besuch erschrocken zeigt.

© Wiebke Plasse - WTG e.V

Hinter ihm die ausgezehrte Kuh und angebunden einige Meter davor das wenige Wochen alte Kalb – die Tiere sind schlecht ernährt, ohne Schutz vom Regen völlig durchnässt und unterkühlt. Kuh und Kalb haben weder die Möglichkeit sich näher zu kommen noch zu grasen oder zu trinken.

  • Ich weiß es nicht mehr“,

antwortet dann sichtlich verunsichert die ältere Schwester und erklärt:

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Eigentlich kümmere sich ihre Mutter um die Tiere. Seitdem der Regen aber die eigenen Felder übernässt habe und sie jetzt auf den Feldern „weit weg von hier“ arbeite, um Ernte zu sähen und die Felder zu bestellen, seien sie und ihre Geschwister dafür verantwortlich.

  • Ich melke 2x am Tag, so haben wir dann etwas Milch.

Ausreichend, um sich und ihre Geschwister sowie gleichzeitig das Kalb damit zu ernähren, sei das lange nicht. Jean-Claude ergänzt: Allein das Kalb bräuchte in diesem Alter mindestens sechs Liter Milch pro Tag.

Ein Leben von der Hand in den Mund

Wir laufen an diesem Tag weit mehr als zehn Kilometer und besuchen mehrere Familien, die Kühe mit jungen Kälbern halten. Die Situation ist immer dieselbe: Eindringlich, berührend und traurig zugleich vermitteln uns die Menschen, dass sie so sehr auf die Milch ihrer Rinder angewiesen seien, diese aber nie genug geben würden. Sie hätten kaum mehr als ein paar Liter am Tag – so wenig, dass man aus tierärztlicher Sicht daraus sofort auf ein schlechtes Wohl des Tieres schließen kann. Es schmerzt, aber überrascht nicht zu hören, dass viele Menschen auch bereits Tiere verloren haben. Jean-Claude ist dennoch in allen Gesprächen bemüht, Basiswissen zu vermitteln:

  • „Wann immer du trinkst, gibst du ab sofort auch den Tieren Wasser. Und wann immer du isst, gibst du fortan auch den Tieren etwas.“

Doch wir wissen auch, dass das leichter gesagt als getan ist: Nicht einmal für die Menschen gibt es hier genug Nahrungsmittel.

Nicht anders ist es in Uganda, wo ich unsere Partner der Bam Animal Clinics ebenso bei Besuchen auf Höfen begleite. Unser Vorhaben auch hier: Wir wollen Menschen treffen, die Tiere wie Rinder aber auch Schweine und Hühner zur Sicherung ihres Alltags halten, und in Erfahrung bringen, wie es den Tieren in dieser bedeutungsvollen Aufgabe geht.

Wenn es Ihnen möglich ist, spenden Sie bitte für unseren Einsatz. Schon mit 70 Euro tragen Sie die Kosten für die benötigten Medikamente und Vitamine für die Tierversorgung in Uganda für ein halbes Jahr. 

Auch Claudine Mukaroni (unten im Bild) in Ruanda gibt uns einen tieferen Einblick in ihr Leben: Die 44-Jährige hat einige Pflanzen rund um ihr Haus angebaut, die für Mensch und Tier Nahrung bieten sollen. So versuche sie, sich und die Familie zu versorgen. Doch weil der Regen immer früher und unvorhersehbarer einsetze, seien die Ernten häufig schlecht – und die Nahrungsmittel deshalb kaum ausreichend.

© Wiebke Plasse - WTG e.V.

Eine regelmäßige Versorgung, geschweige denn tiermedizinische Behandlungen oder den Zukauf von Nahrungs- oder Futtermitteln, könne hier niemand in Betracht ziehen – es reiche für ihre Familie gerade einmal von der Hand in den Mund.

Und doch fällt auf: So schwer die Not der Menschen angesichts Hunger und Armut, so sehr überwältigt der Wille zum Lernen – und in der Folge die Warmherzigkeit zum Dank für guten Rat: Einige Familien laden uns in ihre Häuser ein, wollen uns in unvorstellbarer Gastfreundlichkeit an ihrem Mittagessen teilhaben lassen: Bohnen mit etwas Reis bieten die meisten an – kaum genug für die Familien und dennoch sind sie bedacht, es mit uns zu teilen.

Ich könnte Ihnen von zahlreichen weiteren dieser Beispiele sowohl aus Ruanda als auch Uganda berichten – denn die Situation haben unzählige Menschen in weiten Teilen Ostafrikas gemein:

Familien bauen auf den Einsatz der Tiere, um Nahrungsmittel zu gewinnen oder auf die Arbeitskraft der Tiere zählen zu können. Ohne ausreichend Futter und Wasser sowie Tierwohl-Maßnahmen wie schützende Ställe oder Impfungen und Behandlungen erkranken die Tiere. Sie sind weder arbeitsfähig noch im Stande, Nahrungsmittel wie Milch zu liefern.

Letztlich verenden die Tiere – und auf Seiten der Menschen bleibt nur die schwindende Hoffnung auf echte Verbesserungen.

Tiere gegen die Armut?

Einer der Hauptgründe, warum gerade in Ruanda so viele Menschen dieselbe ernüchternde Erfahrung mit der Haltung von Rindern gemacht haben, ist auch das Programm „Eine Kuh pro Familie“ oder „Girinka“ in der Landessprache von Ruanda Kinyarwanda. Laut Partnerschaftsverein Rheinland-Pfalz/Ruanda e.V., kurz RLP-Ruanda, bedeutet „Girinka“ im ruandischen Sprachgebrauch „Mögest du Kühe haben“ und wird ursprünglich als Grußformel für mehr Wohlstand und Gesundheit verstanden. Unter diesem Titel baute die ruandische Regierung ein Programm auf – mit dem Ziel, den Hunger und die Armut im Land durch die Schenkung von Kühen nachhaltig zu verringern.

Dafür werden 3.000 trächtige Kühe pro Monat, 350.000 in zehn Jahren, an besonders von Armut betroffenen Familien des Landes verschenkt. Der Plan:

Die Kuh wird in der Obhut der neuen Halter*innen ein Kalb gebären. Die Familie wird dann beide Tiere so lange umsorgen und bereits durch die Milch begünstigt, bis das gesunde Kalb von der Mutter getrennt und weiterverschenkt werden kann. Die Kuh wird dann erneut befruchtet. Ab dem zweiten Kalb dürfen die Familien selbst über den Verbleib entscheiden und sich – so die Ideal-Vorstellung – langfristig mit der Rinderhaltung und Milchproduktion sogar ein Einkommen generieren.

Ähnliche Projekte gibt es auch seitens Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit sowie ausländischer Förderer wie auch Deutschland. Ziel jener Aktivitäten ist es, dass die Menschen mit Hilfe der Tiere als Nahrungsmittellieferanten oder Transportmittel ein Einkommen generieren können.

Doch die Realität sieht anders aus, wie mir die Menschen berichten. Beschenkt mit einem Lebewesen, auf das sie alle Hoffnung setzen, ist ihnen in Folge eines schlechten Tierwohles weder kurzfristig (aufgrund geringer Leistung) noch langfristig (in Folge des Verlusts des Tieres durch Krankheit und Tod) geholfen. 

Nachhaltigkeit oder Erfolg kann das Konzept am Beispiel von Ruanda auch mit Blick auf die Zahlen nicht verzeichnen, die mir der Bezirks-Tierarzt in Ruanda für das Programm Girinka vorlegt. Nicht einmal 50 Prozent der verschenkten Tiere hätten das erste Kalb geboren

So stellt sich ein nicht enden wollender Kreislauf dar, dem stetig die Hauptdarsteller – die eingesetzten Tiere – ohne Rücksicht auf Verluste zum Opfer fallen.

Dieser Fehler im System wird aber entweder nicht wahrgenommen oder nicht nachgehalten – anders lässt sich nicht erklären, dass sich seit Jahren nichts verändert. Ganz im Gegenteil: Das Programm wird weitläufig gelobt und von einigen Staaten und Organisationen der Entwicklungszusammenarbeit kopiert, um der vielerorts zunehmenden Armut und drohenden Hungerkrise zu begegnen. Jean-Claude, der mit der RAWO die erste und bisher einzige Tierschutzorganisation in Ruanda gegründet hat, sieht nur eine Antwort auf das offensichtliche Problem:

„Tierwohl ist hier eine ganz neue Idee“

Dabei bezieht er sich nicht nur auf das Programm Girinka. Es sind auch Ziegen, Hühner, Schweine und Schafe, deren Einsatz beispielsweise durch die Vergabe von Kleinkrediten in den Ländern gefördert und beworben wird, um Menschen einen Weg aus der Armut und Hunger zu bieten. Tierwohl-Maßnahmen finden bisher aber nirgendwo die notwendige Berücksichtigung.

Das zeigt sich hinreichend bei den Tierhalter*innen, aber auch auf höchster politischer Ebene: Zum Zeitpunkt meiner Reise im September 2022 befand sich in Ruanda ein Tierschutzgesetz, das erstmals Regeln für Umgang und Haltung von Tieren erfasst, gerade noch in der Entstehung. In Uganda gibt es dieses zwar, eine Einhaltung wird aber unzureichend überprüft. Stattdessen fokussiert die Regierung hier den Ausbau großer konventioneller Betriebe nach Modell des Globalen Nordens – viele Tiere auf engstem Raum sollen die Produktivität erhöhen und Ernährungssicherung fördern.

Gemeinsam mit der Welttierschutzstiftung wollen wir im Rahmen unserer Programme einen anderen Lösungsweg aufzeigen. Dafür nehmen wir anhand guter Praxis eine Vorbildfunktion in Sachen Tierwohl ein und zeigen auf, welche Bedeutung einer Stärkung des Tierwohles zukommt.

Auch bei diesem Einsatz begleite ich Jean-Claude und das passionierte Team der RAWO in Ruanda sowie David und das Team der BAM in Uganda jeweils bei Trainings-Einheiten. Hier werden Tierhalter*innen der einzelnen Regionen umfangreich zum Thema Tierschutz geschult. Darunter sind in Ruanda zum Beispiel viele Begünstigte des Programmes Girinka sowie in Uganda auch zahlreiche Halter*innen von Hühnern und Schweinen.

In beiden Ländern sind es bei meiner Teilnahme jeweils etwa 60 Tierhalter*innen; und auch die politische Vertretung der Regionen ist gekommen. Sie loben die Initiative ausdrücklich und hoffen, dass eine Ausweitung auf Landesebene möglich sein wird, denn sie wüssten um die Notwendigkeit.

© Wiebke Plasse - WTG e.V.

Während der Kurse ist dann zunächst gespannte Stille: Sowohl Jean-Claude in Ruanda als auch David stehen vorn und erläutern die Wichtigkeit von Tieren und deren Wohl. Es ist ein interessiertes Zuhören auf Seiten der Tierhalter*innen, die allesamt aus eigener Initiative zum Teil weite Strecken angereist sind. Immer wieder schallt laute Zustimmung oder ein Ausruf des „Aha“ durch die Räume.

Unsere Partner halten wichtige Kennzahlen immer schriftlich fest:

  • Fütterung: Dreimal täglich. 
    Wasser: immer bereitstellen.

Die Tierhalter*innen werden immer engagierter – mein Eindruck ist: Je mehr sie merken, dass ihre Maßnahmen bisher unzureichend waren, desto motivierter werden sie. Der Reihe nach melden sich alle zu Wort und stellen ihre Fragen:

  • Wie viele Liter Milch kann eine gesunde Kuh geben?
    Wie viel Wasser braucht sie dafür in Litern?
    Und wie viel braucht das Kalb noch von der Kuh?

Rechnungen werden aufgestellt, Zeichnungen erläuternd aufgemalt. 

© Lisa Ossenbrink für Welttierschutzgesellschaft

Sowohl Jean-Claude als auch David untermauern dabei immer wieder die „Fünf Freiheiten“ – wie ein Gebet diktieren sie diese rauf und runter.

Die Beachtung der international anerkannten Fünf Freiheiten beim Umgang mit Tieren sind eine wertvolle Hilfestellung für die Arbeit mit Tieren. Daran lässt sich das Wohlbefinden von Tieren beurteilen und verbessern:

  • Freiheit von Hunger, Durst und Fehlernährung
  • Freiheit von Unbehagen
  • Freiheit von Schmerz, Verletzung und Krankheit
  • Freiheit von Angst und Leiden
  • Freiheit zum Ausleben normalen Verhaltens

Im Anschluss der Trainings geht es zum so genannten Assessment (deutsch: Beurteilung) direkt in einige Ställe der Teilnehmenden – so auch hier am Beispiel Ruandas.

© Wiebke Plasse - WTG e.V.

Dort stellen sich alle Tierhalter*innen reihum um den Stall und sollen jetzt praktisch anhand der eben erlernten fünf Freiheiten den Zustand des Tieres beurteilen. Dancille, die uns hierzu auf ihren Hof einlädt, strahlt, als sie auf ihr Tier zugeht – doch dann macht ihr Jean-Claude auf einfühlsame aber deutliche Weise bewusst:

© Wiebke Plasse - WTG e.V.

Das Tier ist in bedenklichem Zustand. Es ist schlecht ernährt, steht knöcheltief in modrigem Boden und den eigenen Fäkalien und ist in einem brüchigen Stall nur sehr ungeschützt vor etwaigen Wetterbedingungen. Bis auf den gefüllten Wassertrog kann auch die Gruppe keine positiven Beispiele erkennen. Es geht ein Raunen durch die Gruppe und Dancille ist sichtlich getroffen.

Auf dem Weg zur nächsten Teilnehmerin erzählt sie mir aber, dass sie sehr dankbar für diese wichtigen Hinweise sei. Sie wisse jetzt, was sie machen müsse und wo sie anfangen solle. Ihr Tier sei ihr viel Wert, sie möchte, dass es ihm gut geht, denn nur dann könne es auch ihr gut gehen.

Wenngleich es noch viel zu tun gibt: Auch Jean-Claude Masengesho und David Balondemu spiegeln mir nach Abschluss der Besuche die Zuversicht wider, dass die Tierhalter*innen stets offen für Tierwohl-Maßnahmen sind:

  • „Die Menschen machen ihre Hausaufgaben, denn sie verstehen, dass die Tiere nur bei guter Gesundheit und Wohl eine echte Hilfe sein können.“

Layissa ist dafür ein Beispiel:

© Wiebke Plasse - WTG e.V.

Sie hat sich nach der Teilnahme am Kurs in Ruanda – zu dem sie damals eigeninitiativ vier Stunden Fußweg auf sich genommen hatte – zur Botschafterin für Tierschutz in ihrer Dorfgemeinschaft entwickelt. Stolz zeigt sie mir das Booklet und blättert durch die Lieblingsthemen: Fütterung und Bestallung seien ihr ein besonders großes Anliegen, denn das, so sehe sie unter benachbarten Tierhalter*innen, mache die größten Probleme aus. Sie nutze mittlerweile jede freie Minute, um für Verbesserungen im Tierschutz zu werben. Dafür wolle sie selbst mit gutem Beispiel vorangehen und als Modellfarmerin agieren. Ihre Kuh belohne sie für die Verbesserung des Wohles und der Haltungsbedingungen bereits mit 15 bis 20 Litern Milch pro Tag.

Sie sagt, dass jeder Tropfen Milch, der die Familie nährt, sie jeden Tag aufs Neue motiviere. Für die Zukunft hoffe sie, einen Teil der Milch verkaufen zu können, um von dem Erlös Samen für den Anbau von Nutz- und Futterpflanzen zu kaufen.

Übrigens: Mit einer Spende von bereits 15 Euro stellen Sie sicher, dass Tierhalter*innen wie Dancille und Layissa nach dem Training ein Booklet als Nachschlagwerk zum Thema Tierschutz erhalten.

Unser Ziel, landesweit das Tierwohl zu verbessern zu verfestigen, bedarf aber nicht nur der Überzeugung von Seiten der Tierhalter*innen, sondern auch politischen Handelns. Deshalb setzen wir uns auch in Deutschland dafür ein, dass Tierwohl in den Maßnahmen zur Entwicklungszusammenarbeit – z. B. in Projekten wie diesen in Ruanda und Uganda – berücksichtigt wird:

Krisen der Welt zwängen Mensch und Tier in Ostafrika in die Knie – Wir müssen jetzt helfen!

Meine Eindrücke aus Uganda und Ruanda begleiten mich jeden Tag, bei jedem Gedanken, den ich für die Welttierschutzgesellschaft als Leiterin Kommunikation fasse. Nie wurde mir klarer, wie wichtig unsere Arbeit jetzt sowohl für die Tiere als auch die Menschen ist: Denn ohne Berücksichtigung von Tierwohl-Maßnahmen ist der Einsatz von Tieren eine Sackgasse – ein Kreislauf, dem unzählige Tiere zum Opfer fallen und in dem auch Menschen nicht geholfen ist.

Liebe Tierfreundinnen und Tierfreunde, deshalb möchte ich Sie zum Abschluss meines Berichtes von ganzem Herzen bitten: Ändern Sie das mit uns! Bitte helfen Sie, dass wir durch unsere Tierschutzarbeit in Ländern wie Uganda und Ruanda einen nachhaltigen Weg aus der Not durch mehr Tierwohl ebnen können.

Ihre Spende ist jetzt lebensentscheidend.

Herzlichen Dank. Ihre Wiebke Plasse, Leiterin Kommunikation der Welttierschutzgesellschaft

Ihre Spende rettet die treuen Seelen Ostafrikas

Bereits mit 5 Euro im Monat sichern Sie zwei Eseln in Kenia eine umfassende tiermedizinische Versorgung.

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