Wie gut geht es den Pferden in Deutschland?

Fünf Prozent1 der deutschen Bevölkerung betreibt Reiten als Hobby, 900.000 Menschen besitzen ein oder mehrere Pferde2 vornehmlich für sportliche Aktivitäten und zur Gestaltung der Freizeit. Da Reiten ein relativ teurer Zeitvertreib ist, kann leicht der Eindruck entstehen, dass Pferde tiergerecht gehalten werden und ihr Wohlbefinden einen hohen Stellenwert einnimmt. Doch trifft das wirklich zu? Geht es den 1,3 Millionen Pferden3 in Deutschland gut? Letztendlich können die Grundbedürfnisse eines Pferdes nach Bewegung, Beschäftigung und sozialem Kontakt zu Artgenossen den Interessen der Reiter entgegenstehen. Laut einer Online-Umfrage des HorseFuturePanels von 2016 und der Deutschen Reiterlichen Vereinigung mit 21.000 Teilnehmern sprechen sich mittlerweile 70 Prozent der befragten Reiter für eine Verbesserung der Pferdehaltung aus.

Tierschutzaspekte in der Pferdehaltung auf einen Blick

Die schnelle Verfügbarkeit des Pferdes sowie ein geringer Arbeits- und Kostenaufwand führten in der Vergangenheit zur bevorzugten Haltung der Tiere in Einzelboxen ohne Auslauf. Zwar wurden in den letzten 30 Jahren neue Stallkonzepte entwickelt, die dem Leben des Pferdes in freier Wildbahn näherkommen sollen, wie z.B. die Gruppenhaltung in Offenlaufställen mit getrennten Funktionsbereichen – nach Aussagen von Pferdewissenschaftlern und Tierärzten ist die Einzelboxenhaltung jedoch immer noch am weitesten verbreitet. Ihre angeborenen Verhaltensweisen als Flucht-, Steppen- und Herdentier können sie so nicht ausleben. In der Folge können eine Reihe von Erkrankungen des Bewegungs- und Verdauungsapparates, der Atmungsorgane sowie Verhaltensstörungen auftreten.

Wie geht es den Pferden in Deutschland?

Verhaltensstörungen

Aus Tierschutzsicht sind Verhaltensstörungen bei Pferden wie das Koppen und Weben von enormer Bedeutung. Laut einer Studie von Zeitler-Feicht zeigen Pferden, die witterungsunabhängig und ganzjährig täglichen Zugang zu einer Weide haben, seltener Verhaltensstörungen als solche, die nur im Sommer Auslauf bekommen.5 Dabei ist wichtig zu beachten: Einmal manifestierte Verhaltensstörungen können auch dann bestehen bleiben, wenn sich spätere Haltungs- und Nutzungsbedingungen verbessern.

Koppen

Beim Koppen wird durch das Anspannen der Unterhalsmuskulatur Luft geschluckt, häufig werden dazu die Schneidezähne auf einen festen Gegenstand aufgesetzt.

Weben

Beim Weben knabbern Pferde an Holz oder pendeln mit dem Kopf hin und her und verlagern dabei ihr Gewicht von einem Vorderbein aufs andere.

Verhaltensstörungen bei Sportpferden

Sportpferde werden teilweise schon mit anderthalb Jahren trainiert und bestreiten bereits mit zwei Jahren ihr erstes Rennen, obwohl ihre Knochen und Gelenke noch gar nicht ausgewachsen sind – körperliche Folgeschäden sind dann vorprogrammiert. Hinzu kommt, dass die Bewegung während des Trainings nicht ausreicht, um den Bewegungsmangel des restlichen Tages in der Einzelbox zu kompensieren. Zudem bewegen sich Pferde in freier Wildbahn vornehmlich langsam vorwärts, schnelle Bewegungen in Fluchtsituation sind zeitlich stark begrenzt.

Bewegungsmangel

Allein 85 Prozent der Pferdekrankheiten sind laut Statistik der Vereinigten Tierversicherung Gesellschaft a.G auf mangelnde oder falsche Bewegung der Pferde zurückzuführen.4

Evolutionär bedingt haben Pferde einen mehrstündigen Bewegungsbedarf. In freier Wildbahn flüchten die Tiere bei Gefahr, sind ausdauernd im Laufen und legen unter natürlichen Bedingungen meist beim langsamen Vorwärtsgehen grasend bis zu ca. 11 km täglich zurück. Fehlt diese tägliche Bewegung über mehrere Stunden hinweg, wirkt sich das negativ auf ihren Bewegungsapparat aus, es kommt zu Verspannungen, die Muskulatur wird weniger gut durchblutet, die Muskeln können sich schnell abbauen und Gelenke erkranken. Zudem wird durch den Bewegungsmangel die Belüftung der Atemwege beeinträchtigt.

Hinzukommt, dass bei langen Stallhaltungszeiten mit wenig Auslauf der Organismus des Pferdes nicht auf abrupte Bewegungen vorbereitet ist – erfolgt dann beim Training eine schnelle Belastung ohne ausreichende Aufwärmung, können sich Knorpel und Gelenke entzünden, was sich in Lahmheiten äußert. Generell ersetzt aber die kontrollierte Bewegung während des Trainings die freie Bewegung niemals vollständig. Hier kommt die psychische Komponente ins Spiel, frei wählbar zu laufen, sich hinzulegen oder selbstbestimmt die Umgebung zu erkunden und auf diese Weise auch das Erkundungsbedürfnis stillen.

Eine Frau nähert sich langsam einem Pferd

Fehlende Sozialkontakte in der Einzelboxhaltung

Der Kontakt zu anderen Pferden ist wichtig für die Tiere und isoliert von diesen drohen Verhaltensstörungen. Denn Pferde sind Herdentiere. Sie bilden in der Gruppe eine Hierarchie, schützen sich gegenseitig vor Bedrohung und betreiben beieinander Fellpflege. Gerade in der ganztägigen Boxenhaltung leiden die Tiere an mangelndem Sozialkontakt (zudem würden sie in ihrem natürlichen Lebensraum niemals freiwillig an ein- und derselben Stelle fressen, schlafen, koten und urinieren).

Zu beachten ist außerdem, dass Pferde Gewohnheitstiere sind: Sie benötigen Zeit, um sich in eine Gruppe zu integrieren. Häufige Stallwechsel können daher zu Benachteiligung, Stress und Angst des Pferdes führen.

Pferde auf der Weide. Der Kontakt zu anderen Pferden ist wichtig für die Tiere.

Zu viel Kraftfutter und Langeweile

Das Fressen ist die Hauptbeschäftigung eines Pferdes und deshalb sollte diesem Aspekt auch eine große Rolle beim Tierwohl in der Pferdehaltung zukommen. Laut Pferdewissenschaftlern wird bei der Fütterung domestizierter Pferde häufig ein zu hoher Teil an energiereichem Kraftfutter wie Getreide-, Roggen- oder Maiskörner eingesetzt. Das kann nicht nur zu Koliken und Magengeschwüren führen, sondern befriedigt das hohe Kaubedürfnis der Pflanzenfresser nicht ausreichend, was wiederum Frustration und Langeweile zur Folge haben und sich in Verhaltensauffälligkeiten äußern kann.

Unter natürlichen Bedingungen verbringen sie etwa zwei Drittel eines Tages mit der Nahrungsaufnahme beim langsamen Vorwärtsschreiten. Sie sind Pflanzenfresser und ernähren sich hauptsächlich von Gräsern und Kräutern, aber auch von Blättern und jungen Trieben von Bäumen. Ihr Futter ist rohfaserreich und energiearm, und ihr Verdauungsapparat ist an eine kontinuierliche Futteraufnahme angepasst – ihr Magen-Darm-Trakt ist also darauf ausgelegt, nur kleine und über den Tag verteilte Portionen an Futter zu verarbeiten.  Dabei spielt auch die Befriedigung des Kaubedürfnisses eine große Rolle, und lange Fresszeiten wirken sich positiv auf das körperliche und seelische Wohlbefinden eines Pferdes aus.

Ein besseres Leben für Pferde in Deutschland

Ein besseres Leben für Pferde in Deutschland

Bereits im Jahr 1995 hat das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft „Leitlinien zur Beurteilung von Pferdehaltungen unter Tierschutzgesichtspunkten“ herausgegeben, die 2009 überarbeitet wurden. Vor Gericht werden diese Leitlinien als vorweggenommene Sachverständigen-Gutachten herangezogen. Nichtsdestotrotz können Pferdebesitzer selbst entscheiden, ob und wie häufig sie ihren Tieren Auslauf gewähren und ob sie ihnen den Kontakt zu Artgenossen ermöglichen.

Prinzipiell sollten die Grundbedürfnisse der Pferde nach Bewegung, Beschäftigung und sozialem Kontakt zu Artgenossen stets berücksichtigt werden. Wenn Sie selber reiten oder jemanden kennen, der diesem Hobby nachgeht, beherzigen Sie, dass die Bewegung im Training allein nicht ausreicht – zu einem tiergerechten Umgang mit Pferden gehören ihre Bedürfnisse nach freier Bewegung und sozialen Kontakten dazu. Das bedeutet auch, dass Reiter hohe Ansprüche bei der Wahl ihrer Ställe stellen müssen. Zudem sollten häufige Stallwechsel vermieden werden, da die Neufindung in einer Gruppe langwierig ist und das Pferd unnötigem Stress ausgesetzt wird.

Ein möglichst stabiler Herdenverband ist für die  Pferde wichtig. Häufige Stallwechsel können zu Stress und Angst des Pferdes führen.

Idealerweise werden Pferde auf einer Weide mit Unterstand in einem möglichst stabilen Herdenverband gehalten, um dem Bewegungsdrang und dem ausgeprägten Bedürfnis nach sozialem Kontakt zu Artgenossen gerecht zu werden. In der Gruppenhaltung mit Auslaufmöglichkeit können Pferde ihr ursprüngliches Sozialverhalten am besten ausleben. Der Auslauf auf der Wiese schont die Gelenke und sichert einen Großteil des Nahrungsangebots.

Sollten Sie Pferdesportveranstaltungen oder Volksfeste besuchen, auf denen Reiten für Kinder angeboten wird, dann informieren Sie sich vorher umfassend über die Trainings- und Haltungsbedingungen der Pferde.

Quellen

(1) Deutsche Reiterliche Vereinigung e.V. (2018): Zahlen und Fakten. Pferdesport und Pferdezucht. https://www.pferd-aktuell.de/fn-service/zahlen--fakten/zahlen--fakten

(2) ebd. DRV

(3) ebd. DRV

(4) Vgl. Thelen (2014): Zusammenhang zwischen Haltungsformen, Verhaltensstörungen und Erkrankungen bei Pferden unterschiedlicher Verwendungsrichtung, VVB Laufersweiler Verlag, Gießen.

(5) Zeitler-Feicht et al (2002): Zur Prävalenz von Verhaltensstörungen bei Reitpferden in Deutschland, KTBK-Schrift 418, Landwirtschaftsverlag GmbH, Münster-Hiltrup, 86-93.

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