Tierwohl – eine Scheindebatte?

Man könnte meinen, die Debatte um Tierwohl in der Nahrungsmittelindustrie sei endlich in der Mitte Deutschlands angekommen.

Die Konsumenten legen immer mehr Wert auf biologische und regionale Lebensmittel – der Tiere, Umwelt oder eigenen Gesundheit wegen. Viele Deutsche leben vegetarisch oder sogar vegan und wenn doch Fleisch gegessen wird, dann selbstverständlich nur vom Schlachter des Vertrauens oder in Bio-Qualität. Laut einer Umfrage des Landwirtschaftsministeriums sind mehr als 80 Prozent der Deutschen bereit, für Fleisch und Wurst mehr zu zahlen, wenn sie dadurch das kurze Leben der Tiere verbessern können. Zuletzt hat auch die Europäische Union reagiert und in der Nutztierhaltung für schärfere Gesetze und Kontrollen gesorgt.

Kleinbauern werden aus dem Geschäft gedrängt

Der neue „Fleischatlas 2016 – Deutschland Regional“ lässt allerdings jegliche Hoffnung schwinden. Wie die Zahlen eindeutig belegen, schießen immer neue Megaställe aus dem Boden. Bundesweit wurden in den letzten drei Jahren rund 700.000 neue Plätze für Schweine und rund 10,8 Millionen für Geflügel beantragt. Gleichzeitig müssen die kleinen bäuerlichen Produktionsstätten zumachen. Verglichen mit 2001 haben allein in Niedersachsen 10.000 Rinder-, 6.000 Hühner- und fast 14.000 Schweinehaltungen ihre Produktion eingestellt. In Bayern sind es fast dreimal so viele Rinder- und Schweinehalter.


Während Bürgerinnen und Bürger, mittelständische Bäuerinnen und Bauern nach neuen Wegen des nachhaltigen Konsums suchen, weiten die Bundesregierung und Fleischindustrie die Massenproduktion in Deutschland stetig aus. Da die Nachfrage in Deutschland sinkt, fokussiert man sich dabei immer stärker auf den Export, und dadurch an Preise des Weltmarktes. Es geht um Masse und kleine Preise. Nur mithilfe neuer Methoden wie automatisierter Fütterung oder beispielsweise Spaltenböden, die das Ausmisten unnötig machen, kann die Nahrungsmittelindustrie rentabel wirtschaften.

Subventionen für Tierfabriken

Und es kommt noch schlimmer… Mitgliedsstaaten der Europäischen Union, so auch der Bund, finanzieren und subventionieren mit steigender Tendenz derartige Tierfabriken in Drittstaaten. So entstehen Anlagen in Millionenhöhe, die in der EU aufgrund der geringen Tierschutzstandards verboten wären und deren Produkte zu konkurrenzlosen Preisen auf den Weltmarkt exportiert werden.

Ein Zusammenschluss verschiedener Nichtregierungsorganisationen (Humane Society International, Vier Pfoten und Compassion in World Farming) veröffentlichte bereits 2013 einen Bericht, demzufolge hunderte Millionen Euro in Nutztierbetriebe außerhalb der EU fließen. Die EU-Staaten investieren mit einem einen Anteil von rund 30 Prozent vor allem in große industrielle Tierhalteanlagen. Ein Beispiel ist der ukrainische Geflügelproduzent MHP, der 2012 in Summe 50 Millionen Dollar von der International Finance Cooperation (einem Mitglied der Weltbank) bekam, um eine Mastanlage mit Platz für 111 Millionen Hühner pro Jahr zu errichten. Zum Vergleich: Das ist der Bestand an Geflügel in ganz Deutschland.


Die Verlierer sind auch hier die heimischen Landwirte, die im Wettbewerb um Masse und günstige Preise nicht mithalten können. Und selbst der Konsument – ob bewusst oder nicht – kurbelt das Geschäft an, denn die Produkte dieser Megaställe landen auch auf deutschen Tellern. Die Ukraine ist inzwischen drittgrößter Exporteur von Geflügelfleisch in der EU – in Form von Fleischfüllungen in Tortellini oder Schinken auf der Tiefkühlpizza. Das gilt auch für Eier. In den heimischen Supermärkten sind mittlerweile laut Gesetz keine Frischeier aus Drittstaaten mehr zu finden. In verarbeiteter Form aber überall: Konditorei-Produkte, Nudeln, Mayonnaise und Fertigsuppen sind, wenn nicht gesondert bezeichnet, zunehmend mit Billig-Eiern hergestellt.

Immer lauter wird deshalb die Forderung nach einer EU-weiten Kennzeichnungspflicht für alle tierischen Produkte. Die Verbraucher wollen wissen, was sie essen. Und so lässt sich nur hoffen, dass das steigende Bewusstsein für Tierwohl in der Nahrungsmittelindustrie anhält.

Diese Themen könnten Sie auch interessieren:
Aktuelle Petition gegen den Ausbau der Mastanlage in Eschelbach: »www.change.org/
Interaktive Grafik zur Massentierhaltung in Echtzeit: »www.calobro.de/massentierhaltung
»TTIP und Tierschutz
»Wie ich anfing, mir über Milch Gedanken zu machen

Quellen:
»www.kuhplusdu.de
»www.wir-haben-es-satt.de/
»www.profil.at
»www.faz.net
»www.boell.de

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.