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Filmtipp: „Der Bär in mir“ – mit Interview

Weit und breit nichts als unberührte Landschaft, zahllose Grizzlybären – und David Bittner. Hier am äußersten Ende Alaskas hat der Schweizer Bärenforscher sein zweites Zuhause gefunden. Für die Dokumentation „Der Bär in mir“ – ab jetzt im Kino – hat Produzent Roman Droux mehr als 20 Jahre nachskizziert, in denen Bittner auf Augenhöhe mit den wilden Bären lebte.

WTG: Lieber Herr Bittner, vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für ein Gespräch nehmen. Wir hatten bereits die Chance, den Film zu sehen und sind begeistert: Die Aufnahmen der absoluten Wildnis und unberührten Natur auf der einen und ihre so vertraute Beziehung zu den wilden Bären Alaskas auf der anderen Seite sind faszinierend. „Der Bär in mir“ ist quasi ein Porträt Ihrer unbändigen Liebe zu der Region und den Tieren. Woher kommt diese Leidenschaft?

Bittner: Auch ich danke, es freut mich, dass Ihnen die Dokumentation gefällt. Tatsächlich war ich das erste Mal als Biologie-Student im Katmai Nationalpark (Anmerkung der WTG: Der Nationalpark ist der viertgrößte in den USA und liegt im Südwesten Alaskas). Ich war damals 25 und abenteuerlustig – die Region reizte mich. Ich wollte immer weiter raus an abgelegene Orte und dorthin, wo kein Mensch mehr präsent war. Alaska war mit der einzigartigen Wildnis da natürlich ein großer Traum, die Tiere hingegen zu diesem Zeitpunkt aber weniger ausschlaggebend. Ich wusste zwar, dass mir Bären begegnen würden, wollte ihnen aber eigentlich aus dem Weg gehen.

WTG: Dann kam es aber ganz anders…

Bittner: Ich hatte über einige Wochen an ein- und derselben Stelle mein Zelt aufgeschlagen und sah immer wieder die gleichen Bären. Ich lernte, sie zu unterscheiden, gab ihnen Namen. Ein Schlüsselerlebnis war wohl die Begegnung mit der Bärin Rosi, wie ich sie nannte. Sie kam von sich aus jeden Tag ein Stückchen näher – bis auf acht bis zehn Meter. Ich erinnere mich, wie hoch mein Puls damals war, empfand den Augenblick aber auch als wahnsinnig schön. Die 15 darauf folgenden Jahre kehrte ich so gut wie jeden Sommer für immer etwa drei Monate zurück – nur um zu schauen, ob ich dieselben Bären wieder antreffen werde.

WTG: Und das haben Sie, wie wir in „Der Bär in mir“ erfahren. Die Wahrscheinlichkeit für Bärensichtungen ist ja auch wahrscheinlich nirgendwo höher. Der Katmai-Nationalpark gilt schließlich als Grizzyland – und weist die höchste Dichte wildlebender Bären weltweit auf.

Bittner: Ja, etwa 1,5 Bären pro Quadratkilometer. Die Tiere finden hier durch die jährliche Lachswanderung auf kleinstem Raum Unmengen natürliche Nahrungsquellen. In bestimmten Hotspots kann es schon mal zu Ansammlungen von mehreren dutzend Tieren gleichzeitig kommen.

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WTG: Wie unterscheiden Sie denn die Tiere voneinander?

Bittner: Das sind oft ganz einfache äußerliche Merkmale wie Narben oder die Fellfarbe. Vielfach sind es aber auch Verhaltensweisen, die wiedererkennbar sind. Oder der Gang. Einige Tiere erkenne ich mittlerweile aus 200-300 Metern Entfernung.

WTG: 15 Jahre, jeweils drei Monate Auge um Auge mit den Bären. Was fasziniert Sie bis heute am meisten?

Bittner: Ganz klar die Persönlichkeit der Tiere. Sie alle sind Individuen mit unterschiedlichen Charakteren, die zum Vorschein kommen, wenn man sich die Zeit nimmt. Ihre sozialen Interaktionen – wenngleich die Tiere Einzelgänger sind – überraschen mich immer wieder. Ich vermute, dass die familiäre Abstammung damit zu tun hat, welche Bären sich miteinander verstehen, und ich glaube, dass sich Bären nach Jahren noch wiedererkennen können.

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WTG: Roman Droux, der Produzent von „Der Bär in mir“ schrieb, er verstünde nicht, wie man sich „in wildlebende Bären verlieben kann“, er hatte ambivalente Gefühle, denen er mit seiner Dokumentation auf den Grund gehen wollte. Über 12 Wochen hat er sie begleitet und mit „Der Bär in mir“ am Ende eine Art Liebeserklärung an die Tiere – und auch irgendwie an Sie – produziert. Wann glauben Sie, ist dieser, ich nenne es mal „Sinneswandel“, geschehen?

Bittner: Nein, ich vermute, es ging ihm ähnlich wie anderen Personen, die mich über die Jahre mal begleitet hatten – meine Frau, Leute aus meiner Familie (Schwester, Vater, Freunde). Anfangs hatten alle eine riesige, eigentlich unbegründete Urangst gegenüber den Tieren. Doch dann – binnen Tagen – ist ein wechselseitiges Vertrauen aufgebaut. Angst wandelt sich zu Respekt und Faszination um.

WTG: „Sie akzeptierten mich in ihrer Welt“ ist eines der vielen starken Statements, mit denen der Produzent Droux seine Aufnahmen von Ihnen letztlich kommentiert. Was glauben Sie denn, wie die Tiere Sie wahrnehmen?

Bittner: Ich glaube schon, dass sie realisieren, dass ich kein Artgenosse bin. Aber wohl auch durch meine Verhaltensweise gegenüber ihnen, konnte ich Vertrauen aufbauen. Ich bin sehr ruhig, sitze kniend und auf Augenhöhe da und wirke nicht bedrohlich.

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WTG: Bedrohlich allerdings ist die Entwicklung – Lebensraumverlust, Überfischung der Lachsbestände, Klimakrise. Was können wir hierzulande für den Schutz der Bären in Alaska tun?

Bittner: Oh, einiges. Wir müssen uns bewusst werden, dass die natürlichen Ressourcen, an denen wir uns maßlos bedienen, begrenzt sind. Wir können sehr wohl durch unsere Ernährungs- und Verhaltensweisen dazu beitragen, dass sich etwas verändert. Und wir müssen lernen, Tieren wieder mehr Raum zuzustehen. Es gibt aktuell nur noch rund 200.000 Braunbären weltweit, aber acht Milliarden Menschen – das ist verrückt. Einst waren es Millionen Tiere, aber wir haben 95% ihres Lebensraumes zerstört.

WTG: Im Film hört man sie auch sagen, dass es nicht 1000 Menschen wie Sie geben sollte.

Bittner: Absolut, ich bin ein Störfaktor und mir dessen total bewusst. Aber es ist noch vertretbar, denn ich forsche ja auch. Wenn aber der Besucherdrang weiter zunimmt, gilt es unbedingt ein kluges Management zu gestalten. Die Störung durch Menschen sollte immer auf ein Minimum reduziert werden.

WTG: Herzlichen Dank für das Gespräch.

DER BÄR IN MIR

… ist seit dem 15. Oktober in vielen deutschen Kinos zu sehen. 

Weitere Informationen zum Film finden Sie hier: https://derbaerinmir.de

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