© Lanta Animal Welfare

Thailand ohne Tourismus: Was heißt das für die Streuner?

In der Region Krabi im Süden Thailands ist das Straßenbild normalerweise gleichermaßen von streunenden Hunden und Katzen wie auch Massen an Tourist*innen geprägt. Doch die Coronakrise hat die Regionen schwer getroffen – dort, wo sich sonst Reisende tummeln, sind die Straßen heute menschenleer. Das hat gravierende Folgen für die Hunde und Katzen, die üblicherweise Hotels und Restaurants als verlässliche Futterquellen aufsuchen und jetzt hungrig und geschwächt umherstreunen. Im Interview berichtet Dr. Helen Guy, die leitende Tierärztin unserer Partner Lanta Animal Welfare (LAW), über die unmittelbaren Folgen für unsere Tierschutzarbeit.

Ein Beitrag von Patricia Hoppe, Praktikantin bei der Welttierschutzgesellschaft.

Hintergrund: Tierklinik in Thailand

Das Inselparadies hat ein Problem: Zahlreiche herrenlose Hunde und Katze bevölkern die Straßen und Strände. Sie vermehren sich unkontrolliert, viele von ihnen sind krank und leiden – eine tiermedizinische Versorgung ist so gut wie nicht vorhanden. Gemeinsam mit der lokalen Organisation Lanta Animal Welfare (LAW) helfen wir notleidenden Tieren und engagieren uns für die Minimierung der Streunerpopulation.

Zum Projekt

Zur Person:
Dr. Helen Guy stammt aus Großbritannien und reiste ursprünglich als Touristin im Oktober 2014 nach Thailand. Was als Urlaub begann, endete als ihr neues Zuhause. Seit 2015 ist sie Teil unserer Partnerorganisation Lanta Animal Welfare und inzwischen die leitende Tierärztin. Mit ihrem Team stellt sie in der stationären Tierklinik die tiermedizinische Versorgung rund um Koh Lanta sicher und ist durch unsere Unterstützung außerdem mit mobilen Kliniken auf weiteren Inseln sowie an Küstenorten auf dem Festland für streunende Tiere im Einsatz.

Dr. Helen Guy, als leitende Tierärztin sind Sie elementarer Teil der mobilen Tierkliniken. Inwiefern hat sich diese Arbeit seit Beginn der Corona-Pandemie verändert?

Nachdem wir im März und April durch die Restriktionen keine mobilen Kliniken durchführen konnten, hat sich diese Arbeit seitdem nahezu normalisiert. In ganz Thailand gibt es bereits seit Mai kaum neue Covid-19-Fälle (Stand: November 2020) – trotzdem gelten aber weiterhin strenge Hygiene- und Abstandsregeln. Auch die Informationsarbeit in Schulen haben wir zwischenzeitlich für einige Monate unterbrechen müssen, mittlerweile aber wieder in kleinerem Rahmen aufnehmen können.

Der internationale Tourismus steht dagegen weiterhin nahezu still. Welche Folgen hat das für ein Land wie Thailand, das so stark vom Tourismus abhängig ist, und insbesondere für die Tierschutzarbeit vor Ort?

Normalerweise beginnt im Dezember die Haupttourismussaison in Thailand. Doch durch Corona werden die Tourist*innen wegbleiben. Die Regierung bewirbt nun verstärkt den nationalen Tourismus und tatsächlich kommen zurzeit wieder mehr thailändische Tourist*innen auf die Inseln – jedoch bei weitem nicht in der Anzahl, wie es für die Jahreszeit üblich ist. Auf den Inseln wie Koh Lanta sind viele Menschen vom Tourismus der Hauptsaison abhängig und werden vermutlich wirtschaftlich zu Grunde gehen, wenn dieser ausbleibt.

All das hat natürlich auch direkte Auswirkungen auf die Tierschutzarbeit: Neben unseren eigenen Spendeneinnahmen und der finanziellen Unterstützung der Welttierschutzgesellschaft finanzieren wir unsere Arbeit auch durch Spenden von Besucher*innen der stationären Klinik und des Tierheims. Da diese Einnahmen zurzeit jedoch nicht vorhanden sind, müssen wir auf finanzielle Reserven zurückgreifen. Um diese gering zu halten, versuchen wir, so viele genesene Tiere wie möglich vor Ort zu vermitteln und so die laufenden Tierpflegekosten zu reduzieren. Doch das ist nicht alles: Denn auch viele Freiwillige bleiben weg, die normalerweise bei einem Teil des Klinikbetriebs aushelfen. Das heißt, dass Mitarbeiter*innen, die wir sonst an anderer Stelle brauchen würden, nun bei der Pflege der Tiere benötigt sind.

© Lanta Animal Welfare

Abgesehen von den Herausforderungen für die stationäre Klinik: Was sind die unmittelbaren Folgen für die unzähligen streunenden Tiere in der Region?

Für die Tiere bedeuten die ausbleibenden Tourist*innen vor allem Hunger. Viele streunende Hunde und Katzen leben von den Essensresten auf den Straßen und vor den Hotelrestaurants. Da viele Hotels, Resorts und Restaurants nun geschlossen bleiben, werden die Tiere in den kommenden Monaten vermutlich zunehmend an Hunger leiden und einige womöglich sogar verhungern. Eine weitere Befürchtung ist, dass durch den ausbleibenden Haupttourismus und die damit einhergehende finanzielle Not der Menschen vermehrt Tiere ausgesetzt oder auf den Inseln zurückgelassen werden, weil sie sich nicht anders zu helfen wissen. Eine wahrscheinliche Folge wäre, dass diese Tiere sich unkontrolliert vermehren. Darum ist es so wichtig, dass wir unsere Arbeit ununterbrochen fortsetzen können und im Rahmen der mobilen Klinken Hunde und Katzen kastrieren sowie die Bevölkerung für Tierschutzproblematiken sensibilisieren.

© Adam Butler

Wir wissen: Wächst die Not der Menschen, verstärkt sich auch das Tierleid. Befürchten Sie, dass die Gewalt gegen Tiere wieder zunehmen wird?

Leider gibt es schon immer Menschen, die sich gegen die Überpopulation der Tiere nicht anders zu wehren wissen und ihnen grausame Gewalttaten zufügen. Aber ja, wir haben Angst, dass sich Angriffe noch verstärken könnten, wenn die Menschen angesichts der wirtschaftlichen Nöte frustrierter werden. Erst kürzlich haben wir auf dem Rückweg von Sikao einen Hund am Straßenrand aufgelesen, der eine extrem große Kopfwunde hatte. Seine Verletzung war höchstwahrscheinlich eine von heißem Öl verursachte Brandwunde, die zum Zeitpunkt, als er gefunden wurde, bereits von Maden durchfressen war – ein grausamer Anblick. Wir haben ihn sofort in die Klinik gebracht, tiermedizinisch versorgt und sterilisiert. Er heißt jetzt Edward.

Es sind unglaublich schwere Zeiten. Wie schaffen Sie es, Ihren Optimismus und die Stärke zu wahren?

Ich habe in meiner Zeit hier schon wirklich schlimme Sachen gesehen und denke nicht, dass das etwas ist, woran man sich jemals gewöhnen wird. Aber ich versuche mich darauf zu konzentrieren, wie ich das Leben der Tiere verbessern kann. Unsere Kastrations- und Bildungsprogramme tragen maßgeblich dazu bei, Streunerleid zu verhindern. Es macht mich so glücklich, Hunde wie zum Beispiel Edward wieder ganz gesundet zu sehen. Das gibt mir die Kraft zum Weitermachen.

© Lanta Animal Welfare

Um das Leid der streunenden Tiere auf Koh Lanta und den Nachbarinseln zu lindern, ist es unbedingt notwendig, dass unsere mobilen Kliniken weiterhin regelmäßig stattfinden können. Wir danken allen Spenderinnen und Spendern für Ihre Unterstützung bei dieser Arbeit und bitten all jene, denen es möglich ist, sich anzuschließen. Ihre Spende rettet Tierleben wie Edwards!

Retten Sie Streunerleben!

Um die Arbeit der mobilen Kliniken zu leisten, brauchen wir Sie! Bitte zeigen Sie Herz und helfen Sie mit Ihrer Spende, das Leid der unzähligen Streuner in Thailand zu verringern.

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