Projektbesuch in der Ukraine

Von Christoph May, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit bei der Welttierschutzgesellschaft

Im vergangenen Jahr hat die Welttierschutzgesellschaft die erfolgreiche Umsiedlung von vier ehemaligen ukrainischen Zoo-Bären in eine neue, bärengerechte Unterbringung ermöglicht. Von Berlin aus habe ich diesen Einsatz, der vor Ort von meiner Kollegin Daniela Schrudde begleitet wurde, mitorganisiert. Seitdem liegt mir das Schicksal dieser Tiere ganz besonders am Herzen. Neun Monate leben die vier Braunbären – Mutter Dina sowie die erwachsene Tochter Mascha und die noch jugendlichen Geschwister Nadia und Myr – nun bereits in ihrem Zuhause im Halych Nationalpark in der Westukraine. Im Juli hatte ich Gelegenheit, das Team unserer Partnerorganisation ECO-Halych und die vier Bären kennenzulernen.

Hintergrund: Bären in der Ukraine

In der Ukraine fristen zahlreiche Braunbären ihr Dasein unter widrigen Bedingungen. Um die Situation grundlegend zu ändern, haben die Welttierschutzgesellschaft und die ukrainische Tierschutzorganisation ECO-HALYCH ein bestehendes Schutzzentrum im Haylch Nationalpark um ein dringend benötigtes Gehege erweitert, das gequälten Bären als neues Zuhause dient und sorgen landesweit für mehr Bären-Bewusstsein.

Zum Projekt

Auf den letzten Kilometern vor Erreichen des Halych Nationalparks, als die Tiefebene des Flusses Dnister durchquert ist, wird es doch noch hügelig. Die Ausläufer der nördlichen Karpaten, in denen sich der Nationalpark befindet, machen sich bemerkbar. Etwas abseits der Hauptstraße dann, inmitten eines Buchenwalds, zeigt es sich dem Besucher: das Hauptgebäude des Halych Nationalparks. Hier hat das Team von ECO-Halych um Biologe Volodymyr Buchko ein Wildtier-Rehabilitationszentrum geschaffen, das in der Region einzigartig ist. Neben Bären leben in den anderen Gehegen des naturbelassenen Nationalparks noch weitere Tiere, die in der Vergangenheit schlecht gehalten oder versehrt wurden – z.B. Wölfe, Rehe, Steinadler, Mäusebussarde, Weißstörche sowie verschiedene Entenarten.

Erste Anlaufstelle für die zahlreichen Besucher, die das Zentrum an diesem Tag besuchen, ist das Bärengehege, das mit Unterstützung der Welttierschutzgesellschaft errichtet wurde. Auch mich zieht es direkt zur neu errichteten Aussichtsplattform, von der sich die vier Bären wunderbar beim Fressen, Baden und Dösen beobachten lassen. Am liebsten halten sie sich im vorderen, gut einsehbaren Teil des Geheges auf, wo sie regelmäßig Futter erhalten – an diesem Tag Äpfel und Fische. Dort befindet sich auch die Wasserstelle, die bei den hohen Temperaturen dieses Juli-Tages kaum eine Minute unbesetzt ist.

Aktive Jungbären

Besonders aktiv zeigt sich Jungbär Myr, ein echtes Kraftbündel. Seine Lieblingsspielzeuge sind ein alter Fußball, den er quer über das Gelände kickt, und eine Hängematte, welcher er geschickt darin versteckte Snacks entlockt. Spielerische Auseinandersetzungen gehören zum Alltag der Bärenfamilie. Besonders Myr und Schwester Nadia testen so ihre jugendlichen Kräfte.

Aber auch für die beiden älteren Bärinnen, Mascha und Dina, bedeutet das neue Zuhause ein sichtlich besseres Leben. Statt auf tristem Beton können sie es sich auf dem Waldboden im Schatten der Buchen bequem machen; statt kümmerlichen Essensresten erhalten sie gute, bärengerechte Kost. Doch als Beobachter merke ich auch, dass die vielen Jahre im Käfig eines aufgegebenen Zoos in der Südukraine nicht folgenlos an ihnen vorübergegangen sind.

Leid der Vergangenheit

Mascha, die erwachsene Tochter von Dina, hat Probleme beim Laufen, verursacht durch Arthrose. Und bei Dina sind es die seelischen Leiden der Vergangenheit, die offenbar Spuren hinterlassen haben. Die Bärin lebte mindestens 15, vielleicht sogar mehr als 20 Jahre in dem ehemaligen Zoo und musste regelmäßig Nachwuchs gebären, der ihr schon nach wenigen Monaten weggenommen wurde und anschließend in den illegalen Wildtierhandel gelangte. Auch wenn sie diesen Qualen entkommen ist, läuft sie am Eingang des großen Freigeheges noch immer in kleinen Kreisen umher. Diese sich wiederholende Bewegungen sind als Stereotypien bekannt und insbesondere bei Tieren wie Dina, die sehr lange unter schlechten Haltungsbedingungen lebten, nur mit sehr viel Geduld zu kurieren.

Zum Glück hat ihr stereotypes Verhalten aber bereits nachgelassen. Und es besteht Hoffnung, dass es mit einer speziellen Behandlung einer Bärenexpertin und der Erweiterung des Freigeheges, die kurz vor dem Abschluss steht, weiter bergauf für sie geht.

Neues Gehege

In Kürze werden die Bären nämlich auf dem um rund zwei Hektar erweiterten Gelände leben, das sich tiefer als bisher durch den ursprünglichen Buchenwald des Nationalparks zieht. Das Bärengehege, das vor der Rettung in kurzer Zeit errichtet werden musste, um die Tiere möglichst schnell aus ihrer qualvollen Haltung befreien zu können, wird somit um mehr als das Zehnfache erweitert. Für die Haltung von vier Bären ist dieses größere Flächenangebot wünschenswert, weshalb die Welttierschutzgesellschaft auch den Bau des zweiten Geheges unterstützt hat. Wenn die Bären dort einziehen, werden sie – davon konnte ich mich bei einem Rundgang überzeugen – noch mehr Gelegenheit haben, in tiergerechter Umgebung ihr natürliches Verhalten auszuleben. Beim Streifen durch das Unterholz, bei der ersten Begegnung mit einem der großen Ameisenhügel, beim Buddeln im lehmigen Waldboden oder wenn sie sich im dichten Wald einfach mal zurückziehen möchten.

Nach den vielen Strapazen, die diese vier Braunbären bereits durchleiden mussten, haben sie im Halych Nationalpark beste Chancen, endlich ein gutes Bärenleben zu führen – davon bin ich nach dem Projektbesuch in der Ukraine fest überzeugt!

Lassen Sie die Bären nicht allein!

Jede Spende hilft, um gequälten Bären in der Ukraine ein besseres Leben zu ermöglichen und für mehr Tierschutzbewusstsein zu sorgen.

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