Berlin, 2. Juli 2026. Die Welttierschutzgesellschaft kritisiert die Initiative mehrerer Staaten, auf EU-Ebene eine Herabsenkung des Schutzstatus von Braunbären zu erreichen. Rumänien und die Slowakei hatten im Vorfeld des Rates für Landwirtschaft und Fischerei am 22. Juni ein Positionspapier veröffentlicht, in dem eine Anpassung der EU-Habitatrichtlinie gefordert wird. Braunbären sollten demnach künftig ähnlich wie Wölfe behandelt werden, deren Schutzstatus 2025 von „streng geschützt“ auf „geschützt“ herabgestuft wurde.
Der Vorstoß auf EU-Ebene steht in Zusammenhang mit einer Gesetzesänderung in Rumänien, mit der die jährliche Abschussquote für Braunbären im Land von aktuell 481 auf 969 Tiere steigt. Die neue Quote sieht dabei 859 Bären vor, die präventiv geschossen werden dürfen. Das bedeutet, dass ein Abschuss dieser Tiere auch dann möglich ist, wenn von ihnen keine konkrete Gefährdung für die Bevölkerung ausgeht.
Der rumänische Landwirtschaftsminister Barna Tánczos hatte zuvor erklärt, die derzeitige Situation in Rumänien sei „nicht länger hinnehmbar“ und verwies auf tödliche Zwischenfälle mit so genannten „Problembären“. Aufgrund von Bedenken, dass die Gesetzesänderung gegen die EU-Habitatrichtlinie verstoßen könnte, hatte der rumänische Präsident Nicușor Dan das Gesetz vom Verfassungsgericht des Landes prüfen lassen. Das Gericht hatte diesem Einspruch vergangene Woche jedoch nicht stattgegeben, weshalb die Gesetzesänderung voraussichtlich umgesetzt werden wird.
Eine Herabsetzung des Schutzstatus auf EU-Ebene würde dem hier eigenständigen Handeln Rumäniens Legitimität geben und hätte zur Folge, dass weitere Länder deutlich leichter als bisher pauschale Abschussquoten für Braunbären erlassen könnten.
WTG kritisiert: Pauschale Abschüsse lösen nicht das Problem, sie verschärfen eher den Konflikt
Die Welttierschutzgesellschaft (WTG) betont, dass pauschale Abschüsse und eine geringere Zahl von Bären nicht automatisch zu weniger Konflikten führen, da zentrale Ursachen der Mensch-Bär-Konflikte außer Acht blieben, wie in Rumänien zu beobachten ist. „Dass sich Bären und Menschen dort zunehmend begegnen, mit zum Teil leider tragischen Folgen, hat eine Vielzahl von Gründen – darunter veränderte Landnutzung, der Verlust und die zunehmende Fragmentierung von Lebensräumen sowie menschliches Fehlverhalten, etwa durch Anfütterung oder unsachgemäße Müllentsorgung“, erklärt Christine Rattel, Projektmanagerin Wildtiere bei der WTG.
Diese Faktoren führen dazu, dass sich Bären verstärkt in Siedlungsnähe aufhalten. Besonders folgenreich ist dabei das Lernverhalten der Tiere: Gewöhnen sich Bären – insbesondere weibliche Tiere – an den Menschen, geben sie dieses Verhalten an ihre Jungtiere weiter. Dadurch entsteht ein langfristiger Kreislauf, der das Konfliktpotenzial erhöht.
Durch pauschale Bärenabschüsse könnten also insbesondere Bärenmütter betroffen sein, was langfristig zu einem Anstieg verwaister Jungtiere und weiterer Probleme führen würde. „Das Ergebnis vermehrter Abschüsse in den Vorjahren können wir bereits in den beiden von uns unterstützten Bärenschutzzentren in Rumänien beobachten, wo sich die Zahl der verwaisten Jungbären deutlich erhöht hat“, erläutert Rattel.
WTG fordert präventive Maßnahmen und wissenschaftlich fundierte Lösungen
Statt einer Herabsetzung des Schutzstatus zur Erhöhung von Abschussquoten fordert die WTG ein modernes, evidenzbasiertes Wildtiermanagement, das folgende Elemente beinhalten sollte:
- Präventionsmaßnahmen ausweiten, etwa bärensichere Müllsysteme, Elektrozäune, Herdenschutzhunde und gezielte Informationsarbeit vor Ort
- Individuelle Interventionen, die sich am konkreten Verhalten einzelner Tiere orientieren und nur als letztes Mittel erfolgen
- Aktive Einbindung der lokalen Bevölkerung, um Vertrauen aufzubauen und tragfähige Lösungen zu entwickeln
Hier betont die Welttierschutzgesellschaft, dass die Ängste in der rumänischen Bevölkerung, insbesondere in ländlichen Regionen, unbedingt ernst genommen werden müssten. „Es ist unerlässlich, die Perspektiven der betroffenen Gemeinden in die Entscheidungsprozesse einzubeziehen. Nur so lässt sich langfristig Akzeptanz für den Schutz von Wildtieren sichern“, fordert Rattel.
Zudem fordert die WTG dringlich Transparenz aller Beteiligter, auch von Seiten der rumänischen Regierung: Diese hatte Details zu einer neuen Populationsstudie, die bereits als Argumentation für höhere Abschussquoten und aktuell für eine Herabsenkung des Schutzstatus auf EU-Ebene genutzt wird, lange zurückgehalten.
Vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen wird die Welttierschutzgesellschaft die Rechtmäßigkeit der Regelung in Rumänien und dem EU-weiten Vorstoß im Lichte der EU Habitatrichtlinie (92/43/EWG) prüfen. Diese sieht aktuell vor jedem potenziellen Abschuss eines Braunbären eine Einzelfallprüfung vor.
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