Streunende Hunde sollen gefangen und vermittelt werden, in bestimmten Fällen ist auch eine Tötung gesetzlich legitimiert. Berichten zu Folge ist aus dieser Gesetzgebung in der Türkei mittlerweile eine grausame Praxis von Tötungen unzähliger Streuner entstanden – zahlreiche Kommunen können die Anforderungen nicht umsetzen und greifen auf Massentötungen zurück. Gemeinsam mit der lokalen Partnerorganisation Hayvan Hakları Federasyonu (Haytap) stellen wir uns in verschiedenen Regionen der Türkei entschlossen dagegen und zeigen im Rahmen von Einsätzen nach der Catch-Neuter-Vaccinate-Release-Methode auf, wie ein humanes Populationsmanagement an der Wurzel des Problems ansetzt und nachhaltig wirkt. Zudem helfen wir in akuten Notsituationen.
Die Zahl herrenloser Tiere ist landesweit hoch – eine Zahl konkret zu beziffern, ist allerdings schwierig. Offizielle Regierungsangaben variieren stark, schwanken zwischen vier und zehn Millionen und gelten als intransparent. Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) geht davon aus, dass etwa 10 Prozent der humanen Gesamtbevölkerungszahl der Anzahl halterloser Tiere entspricht. In der Türkei dürften folglich mehr als 6 Millionen halterlose Tiere – Hunde und Katzen – leben.
Ebenso fehlt es an verlässlichen Erhebungen, wie hoch der Anteil unkastrierter Tiere in der Streunerpopulation ist. Der zuletzt geltende Rechtsrahmen (Gesetz Nr. 5199 (2004)) verpflichtete die Städte zwar, Tiere behutsam einzufangen, sie zu kastrieren, zu impfen und an die angestammten Plätze zurückzubringen (sog. Catch-Neuter-Vaccinate-Release-Methode, kurz CNVR). Dies wurde in der Vergangenheit aber vielerorts nicht oder nur zu unzureichend umgesetzt. So kommt es, dass sich unkastrierte Streuner oft unkontrolliert vermehren können.
Ein weiterer Grund für die hohe Streunerpopulation ist zudem, dass immer mehr Tiere gezüchtet werden. Ein verschärfender Faktor sind hier auch unregulierte sogenannte „puppy mills“ (Welpenfarmen) – illegale wie legale private, aber auch gewerbliche Zuchten, die den Markt mit Tieren (oftmals zeitweise sehr beliebten Hunderassen) überschwemmen, die letztlich auch ausgesetzt und verstoßen werden.
Innerhalb der Streunerpopulationen herrscht eine massive Unterversorgung und unzureichende tierärztliche Versorgung. Selbst elementare Maßnahmen wie Kastrationen und Impfungen bleiben in vielen Regionen gänzlich aus.
Auch dominiert lokalen Tierschützer*innen zu folge in großen Teilen der Gesellschaft ein Misstrauen gegenüber Streunertieren, das oft auf schlechten Erfahrungen mit aggressivem Verhalten oder fehlendem Wissen über durch Tiere übertragbare Krankheiten wie Tollwut beruht.
Die dramatische Entwicklung seit 2024: Ein Gesetz gegen nachhaltigen Tierschutz
Als bisheriger Rechtsrahmen galt, dass die Tötung streunender Tiere mit wenigen Ausnahmen verboten war. 2021 wurde die Gesetzgebung noch gestärkt und Tiere als fühlende Wesen berücksichtigt – auch wurden die Vorschriften zu Kastration angehoben und eine Mikrochip-Pflicht für Tierhalter*innen erlassen. Dies führte binnen nur drei Jahren dazu, dass 2,4 Millionen Haustiere gechippt wurden. Doch im Juli 2024 wendete sich das Blatt, nachdem tödliche Vorfälle zwischen Streunern und Menschen zunahmen und medial die Ängste vor Streunern noch verstärkten:
Am 30. Juli 2024 verabschiedete die türkische Nationalversammlung eine umfassende Änderung des Tierschutzgesetzes. Zum Schutz der Streuner sollen Kommunen weiterhin nach der C-N-V-Methode (Catch-Neuter-Vaccinate, also Einfangen-Kastrieren-Impfen) handeln, die Freilassung entfalle aber. Sie sind zudem angehalten, (außer in begründeten Ausnahmen) bis zu einer Vermittlung in einem Tierheim untergebracht werden. Begründete Ausnahmen sind Tiere, die an extremen Schmerzen leiden, ein negatives, gar aggressives Verhalten zeigen oder an einer nicht heilbaren Krankheit leiden und somit ein essenzielles Risiko für den Menschen darstellen. Diese dürfen nicht vermittelt, sondern müssen eingeschläfert werden. Personen, die das Einschläfern durchführen, haben keine rechtlichen Konsequenzen mehr zu fürchten.
Da es landesweit jedoch nicht genug Tierheime gibt, ist die Umsetzung praktisch unmöglich – mit dem Resultat, dass viele Kommunen eigenmächtig zur Tötung von Streunern übergehen, die nicht zu den genannten Ausnahmen zählen. Berichten zu Folgewerden Tiere wahllos eingefangen und in überfüllte Tierheime gebracht, wo sie ein leidvolles Leben fristen. Weiter gibt es Berichte, dass Kommunen die Ausnahmeregelung nutzen, um Tiere massenhaft und willkürlich zu töten, wenn sie nicht innerhalb kürzester Zeit vermittelt werden. Vielerorts würden C-N-V Maßnahmen vollständig entfallen, da den Kommunen die dafür notwendigen finanziellen Möglichkeiten fehlen, und die Tötung der Streuner als Mittel der Wahl gesehen wird.
Derzeit gibt es laut Hayvan Hakları Federasyonu (HAYTAP) weniger als 300 Heime mit nicht einmal 100.000 Plätzen. Zum Vergleich: Es wird von mindestes 4 Millionen Streunerhunden in der Türkei ausgegangen.
Gemeinsam mit lokalen Partnern Vorbilder schaffen
Inmitten dieser komplexen Ausgangslage engagieren wir uns mit der Hayvan Hakları Federasyonu (HAYTAP), die wiederum mit vielen lokalen Organisationen und Tierschutzgruppen zusammenarbeitet, für eine nachhaltige Lösung der Streunerproblematik. Wir fördern den Einsatz lokaler Teams, immer wenn Hilfe am dringendsten benötigt wird, und sichern durch kontinuierliche Präsenz eine stabile Basis für langfristige Tierschutzarbeit. So realisieren wir wiederholend konkrete Einsätze nach der Catch-Neuter-Vaccinate-Release-Methode, etwa zuletzt im August/September 2025 in Bursa und Sakarya sowie im Mai 2026 in Izmir.
Tierschutzgerecht und behutsam werden streunende Tiere gefangen, kastriert, geimpft und nach Möglichkeit wieder an ihre angestammten Plätze entlassen. Die lokalen Tierschützer*innen bewahren sie damit vor behördlichen Tötungen. Wenn nicht möglich, sorgen HAYTAP und Partner dafür, dass die Tiere eine sichere Obhut finden.
So schaffen wir in unterschiedlichen Regionen des Landes Vorbildcharakter und zeigen auch der lokalen Bevölkerung auf, wie nachhaltiges Populationsmanagement umgesetzt werden kann.
HAYTAP ist zudem nicht nur landesweit gut vernetzt, sondern auch medial bekanntestes Sprachrohr für Tierschutz. Die Organisation leistet auch mit unserer Unterstützung umfassende Öffentlichkeitsarbeit, bringt Tierschutzthemen in die Presse und organisiert Informationskampagnen – z. B. „Adopt don’t shop“, dass die Adoption von Streunern statt des Kaufs von Zuchthunden bewirbt.
Ebenso sind wir in akuten Notsituationen feste Partner der HAYTAP-Teams:
… oder in den Spätsommern 2024 und 2025, als fatale Waldbrände wüteten: Auch mit unserer Unterstützung eilten Rettungsteams den Tieren zu Hilfe – und brachten so mehr als nur Funken Hoffnung in schwere Ausgangslagen.
Gemeinsam im engen Verbund der engagierten lokalen Partner wollen wir langfristig auch die Situation der Streuner in der Türkei verbessern. Wir sind motiviert und gewillt – durch kontinuierliche Maßnahmen im Tierschutz, umfassende Informationsarbeit und gute Zusammenarbeit mit einzelnen Kommunen – eine bessere Zukunft für Tier und Mensch mitzugestalten.
Liebe Tierfreundinnen und Tierfreunde, bitte helfen Sie dabei. Ihre Spende zählt!
Jede Spende zählt
Bitte sichern Sie Tiernothilfe in größter Not!
Nur mit Ihrer Unterstützung können wir schnell handlungsfähig sein und den Tieren Hilfe bieten.
Aus den Trümmern eines Wohnhauses in Beirut, der Hauptstadt des Libanon, hallen klägliche Schreie: Versteckt unter Trümmern, zusammengekauert… Weiterlesen »
Mehrere Tage haben wir Seite an Seite engagierter Tierschützer*innen erlebt, welche Herausforderungen es angesichts der Situation zu bewältigen… Weiterlesen »
Dass dem Esel-Schlachthaus in Shinyanga, Tansania zum wiederholten Mal die Betriebslizenz entzogen und somit alle Aktivitäten untersagt wurden,… Weiterlesen »
Aufgrund der Coronakrise war das Schutzzentrum zeitweise komplett geschlossen worden. Das brachte unsere Partner in existenzielle Schwierigkeiten. Weiterlesen »
Täglich finden Esel, für die wir gemeinsam mit unserem Partner in den Soforthilfeeinsatz gegangen sind, bei fürsorglichen Eselhalter*innen… Weiterlesen »
Unverschuldet geraten viele internationale Tierschutzprojekte derzeit in große Nöte. Auch auf Sumatra sind wir daher mit dem WTG-Nothilfefonds… Weiterlesen »
Die ersten Gelder aus dem WTG-Nothilfefonds – der eine grundlegende Tierschutzarbeit trotz Coronakrise ermöglichen soll – werden unserem… Weiterlesen »
Haben Sie Fragen? Dann kontaktieren Sie uns gern!
Keine Tierschutznews verpassen
Mit unserem kostenlosen Newsletter erfahren Sie alles über die aktuelle Entwicklung unserer Projekte und interessante Tierschutzthemen.
Ihr Abonnement können Sie selbstverständlich jederzeit und ohne Angabe von Gründen kündigen. Ihre Daten werden sicher und verschlüsselt übertragen. Wir verarbeiten Ihre Daten (auch mit Hilfe von Dienstleistern) ausschließlich auf Grundlage von Artikel 6 Abs. 1 Buchstabe f der Europäischen Datenschutz-Grundverordnung. Nähere Informationen erhalten Sie unter Datenschutz →