Vier Wochen Indonesien, Hunderte Begegnungen und unzählige Eindrücke liegen hinter mir. Als Leiterin Kommunikation der Welttierschutzgesellschaft und Verantwortliche für die Kampagne #StopptTierleid war ich im Juni vor Ort, um die erste globale Konferenz zum Thema Tiergewalt auf Social Media – den SMACC Global Summit – mitzugestalten. Davon lesen Sie ausführlich hier:https://welttierschutz.org/bericht-vom-smacc-summit-2026/. Diese bewegende Veranstaltung wurde von einem umfangreichen Projektbesuch begleitet, in dessen Rahmen ich die Arbeit an der Quelle der Tierqual-Taten unterstützen durfte.
Gemeinsam mit den lokalen Teams recherchierten wir in den Tiefen der kriminellen Netzwerke, die in Indonesien durch den Wildtierhandel und brutale Gewalt gegen Affen Profit schlagen. Was ich dort erlebt habe, ist schwer in Worte zu fassen. Über einige Dinge kann ich zum Schutz der Menschen und Ermittlungen nicht sprechen. Dieser Bericht ist ein Versuch, das mitzugeben, worum es geht: Mut, Hoffnung – und die Erfolge unermüdlicher Tierschutzarbeit.
Absolute Stille im Auto. Stundenlang fahren wir immer weiter hinaus in die ländlichen Regionen Sumatras. Der Asphalt verschwindet, die Straßen werden schmaler, die Dörfer kleiner, wir sind tief im Funkloch. Und dann, kurz bevor wir anhalten, das letzte Briefing:
Wer übernimmt welche Rolle? Welche Geschichte erzählen wir über uns selbst? Welche Identität tragen wir nach außen? Und worauf müssen wir besonders achten?
Denn wir sind bei diesem Einsatz nicht als Tierschützer*innen unterwegs. Wir haben Decknamen, falsche Identitäten und sind für Audioaufnahmen verkabelt. Es geht um alles: Jede Sequenz, die wir in Gesprächen mit potenziellen Täter*innen sammeln können, kann zur alles entscheidenden Beweislast werden.
Hier in Indonesien befinden wir uns an einem der Brennpunkte des internationalen Wildtierhandels. Einem Geschäft, das heute zu den größten organisierten Verbrechen weltweit zählt. Insbesondere im sehr ländlichen Raum, am Rand geschützter Regenwälder mit großer Artenvielfalt, beginnt die Kette des Leids. Je seltener eine Tierart, desto höher der Preis. Und je höher der Preis, desto größer oft die Grausamkeit, die mit dem Handel verbunden ist.
Die Arbeit vor Ort baut auf die Mitarbeit lokaler Informant*innen, die verdeckt oft selbst in die kriminellen Netzwerke einsteigen. Unser Ziel ist eine umfassende Beweislage, die Täter*innen das Handwerk legt, denn den lokalen Behörden, die für die Einhaltung und Umsetzung der geltenden Gesetze zum Schutz von Tieren zuständig sind, fehlt oft die Möglichkeit, selbst ausreichend Informationen zu sammeln. So passiert es immer wieder, dass wegen geringer Beweislast keine Festnahmen und Urteile vollstreckt werden.
Das soll sich durch den mutigen Einsatz unserer Teams ändern.
Auf den Spuren der Täter*innen
Die meisten Stationen unserer Recherche-Reise finden hinter verschlossenen Türen statt und so können zum Schutz der Menschen und der Arbeit vor Ort in diesem Bericht weder konkrete Orte genannt noch beteiligte Personen abgebildet oder benannt werden. Denn die Zusammenarbeit mit den lokalen Informant*innen fußt auf Vertrauen – alle Beteiligten müssen enorm vorsichtig sein: Manche schleusen sich über Monate selbst in die kriminellen Netzwerke ein. Andere sammeln verdeckt in ihren Regionen Hinweise zu Orten und Personen. Wieder andere dokumentieren und recherchieren auf Märkten – online auf Plattformen wie Social Media und direkt vor Ort.
Fliegen sie auf, sind nicht nur die Recherchen hinfällig, sondern auch Existenzen, gar Leben, bedroht.
Gemeinsam folgen wir in diesen Wochen gleich mehreren Spuren. Eine, über die ich berichten kann, führt uns zu einem Siamang, einer streng geschützten Affenart:
Wir betreten dafür unter falscher Identität ein abgelegenes Grundstück. Den Affen sehen wir zunächst nicht, aber wir hören ihn. Seine lauten Rufe hallen über das Gelände, wo wir mit den Anwohner*innen ins Gespräch zu kommen versuchen. Mit Erfolg: Nach einiger Zeit fasst die Halterin Vertrauen zu uns und führt uns tatsächlich direkt zu ihrem Tier. Allein, versteckt im Hinterhof und eingesperrt in einem viel zu kleinen Käfig lebt der Affe dort laut Aussage der Frau schon einige Jahre. Eine grausame Quälerei und illegal!
Wir dokumentieren alles durch Fotos und Videos, ergänzt durch Standortdaten und die Aussagen der Halterin. Die Beweise werden später an die Behörden übergeben. Sie werden die Grundlage für eine Konfiszierung schaffen.
Ja, das ist nur ein einzelner Affe, doch er steht für so viele, zu denen unseren Teams konkrete Hinweise vorliegen.
Die Gesichter hinter Verbrechen, die wir sonst online dokumentieren
Der Einsatz in Indonesien ist auch deshalb für mich von so großer Relevanz, da er eine direkte Verbindung zu unserer alltäglichen Arbeit in Deutschland hat: Seit Jahren dokumentiere ich im Rahmen unserer Kampagne #StopptTierleid in sozialen Netzwerken grausame Qualvideos von Affen – 2023 im Rahmen eines umfangreichen Berichtes durch die Social Media Animal Cruelty Coalition dargelegt: https://welttierschutz.org/smacc-report-2023/.
Es geht dabei nicht mehr nur um bedrohte Tierarten, sondern auch um Makaken, die in Indonesien weit verbreitet sind.
Für sogenannte „Affenqual“-Videos werden vor allem ganz junge Babyaffen misshandelt, missbraucht und getötet. Die Täter*innen filmen ihre grausamen Taten und verkaufen die Aufnahmen über soziale Netzwerke an Kund*innen in aller Welt.
Die digitale Recherche zu den Auftraggeber*innen überall in der Welt ist Teil unserer Kampagnenarbeit in Deutschland und darüber hinaus. Aber es gilt für uns auch an der Quelle des Bösen – bei Täter*innen, die die Inhalte auf Bestellung produzieren – anzusetzen. Denn damit diese Täter*innen überführt werden können und das Affenleid für Likes und Reichweite ein Ende findet, braucht es auch hier Beweise – von echten Orte und echten Personen. Auch das ist das Ziel unseres Einsatzes und war damit Bestandteil meiner Reise.
Mehrfach wurde ich gefragt, was mich auf der Reise besonders bewegt hat und das ist ganz sicher alles, was mit diesem Thema zutun hat. Denn ich sage Ihnen ehrlich: Etwas Schlimmeres als diese Qualvideos habe ich noch nicht gesehen.
Noch einige Tage vor meiner Ankunft war das Team intensiv mit den Recherchen zu einem mutmaßlichen Produzenten von Affenqualvideos befasst: Schritt für Schritt hatten sie seine Identität verifiziert, Standorte ermittelt und Hinweise gesammelt. Über mehrere Stunden berichteten sie mir davon. Gemeinsam sind wir dann die Punkte durchgegangen – haben Fotos analysiert und mit den Qualvideos abgeglichen. Und dann wurde klar: Wo uns zuvor nur ein anonymisiertes Social-Media-Profil bekannt war, steht jetzt ein echter Mensch. Die Beweise sind eindeutig: Unser Team stand dem Täter direkt gegenüber. Es handelt sich um einen Mann, von dem wir jetzt nicht mehr ausschließlich die grausamen Taten, sondern auch das Leben kennen. Wir wissen, wo er wohnt, sahen seine Familie und das Kind, mit dem er vor dem Grundstück spielte.
Es sind unvorstellbare Parallelwelten: Ein liebender Familienvater, der Babyaffen für Profit quält.
Genau diese Erkenntnisse sind schwer zu begreifen und machen die Verbrechen so schwer. Der Täter, dessen Videos zu den schlimmsten zählen, die vorstellbar sind, ist jetzt nicht mehr gesichtslos und anonym. Er ist plötzlich ein ganz „normaler“ Mensch“, der ein ganz „normales“ Leben führt. Noch. Denn eben diese mühsam recherchierten und gesammelten Belege werden schon bald entscheidend für die Strafverfolgung sein.
Der Moment, als die Welt stillstand
Im Kosmos der Affenqual auf Social Media führt mich die Recherche auch auf einen der größten Wildtiermärkte des Landes. So intensiv jeder einzelne Tag und jedes Gespräch zuvor auch war, so überwältigend ist das Erlebte hier:
Bereits am Eingang drängen sich Menschen zwischen den Ständen. Hunderte schlendern von Käfig zu Käfig, schlagen an die Stäbe, lachen über die verängstigten Tiere. Händler werben lautstark um Kundschaft.
Der Gestank ist bestialisch, die Lautstärke schwer auszuhalten. Ich sehe überall Käfige. Vögel. Reptilien. Auch Hunde und Katzen. Und zahllose Wildtierarten.
Viele Tiere wirken apathisch. Einige sind verletzt, andere tot.
Dann entdecke ich die Babyaffen – es sind hunderte. Vor allem kleine Makaken sitzen dicht an dicht in engen Metallkäfigen. Manche klammern sich aneinander, andere drücken sich in die Ecken. Nach unseren Recherchen kaufen die Täter*innen genau hier Affen für ihre Qualvideos.
„Schau ihnen nicht in die Augen“ – das sage ich mir seit Jahren immer und immer wieder, wenn ich im Rahmen unserer Kampagnenarbeit die grausamen Gewaltvideos dokumentiere. Ich sichte diese Inhalte immer ohne Ton, mache regelmäßig Pausen und bin vor allem darauf fokussiert, niemals in die Gesichter der Tiere zu schauen. Denn ich weiß: Daran würde man zerbrechen. Doch jetzt stehe ich hier selbst auf einem der Wildtiermärkte, an der Quelle des Leids, und spüre hautnah, wie meine Fassung schwindet:
Inmitten tosenden Lärms verzweifelt schreiender Tiere schauen mir die Affenkinder tief in die Augen.
Es zerreißt einem das Herz zu wissen, was diesen kleinen Wesen bereits widerfahren ist und was jetzt folgen wird:
Gewildert, den Müttern entrissen und Tage unterversorgt in diesen winzigen Käfigen gefangen.
Hier von Märkten wie diesem werden sie verkauft, um entgegen ihren Bedürfnissen als Haustiere gehalten oder für grausamste Tiergewalt auf Social Media misshandelt, missbraucht, getötet zu werden.
Wir wissen, wie wichtig aber eben auch diese Arbeit vor Ort ist: Ein einzelnes Video kann dazu führen, dass hunderte Affen in Zukunft vor diesem Leid geschützt werden.
Fotos der Affen können entscheidende Hinweise liefern. Sie verraten Standorte. Gegenstände wie etwa Käfige auf einem Grundstück helfen bei der Lokalisierung. Es sind das Muttermal eines Täters / einer Täterin, eine Stimme oder aber Gebäude im Hintergrund der Qualvideos, die ausreichen, um die letzten Puzzleteile der Recherchen zu vervollständigen und eine Strafverfolgung zu ermöglichen.
Denn die lokalen Behörden wollen handeln. Aber es fehlen ihnen oft belastbare Beweise, für deren Erhebung und Ermittlung sie nicht befähigt sind. Viel zu oft scheitern Verfahren nur deshalb, weil die Dokumentation nicht ausreicht.
Genau aus diesem Grund setzen unsere Teams so viel aufs Spiel.
Genau das ist, was bleibt: Mut, an das Gute zu glauben und Hoffnung trotz all des Leids
Der vielen schweren Momente zum Trotz lerne ich zahlreiche beeindruckende Menschen kennen, die sich mit enormem Mut und Eifer für den Schutz der Tiere in Indonesien einsetzen:
Ehemalige Wilderer, die heute im Rahmen von Nachtpatrouillen ein Schutzgebiet für Plumploris erhalten:
Ich traf auch weitere Organisationen, die wir unterstützen, etwa beim Aufbau von Rettungszentren und bei Konfiszierungen – wie hier im Falle von Schuppen eines gewilderten Schuppentieres:
Und ich erlebe vor allem überall Menschen, die seit Jahren unbeirrbar für Veränderung kämpfen. Sie tun dies oft fernab der Öffentlichkeit. Ohne Applaus und Sichtbarkeit. Aber mit einer Entschlossenheit, der mein tiefer Respekt gebührt.
Das ist die andere Seite Indonesiens
Indonesien und seine Menschen zeigen sich inmitten einer so belastenden Thematik von ihrer schönsten Seite: Ich begegne einem Land voller Herzlichkeit. Menschen halten an, wenn sie sehen, dass jemand Hilfe braucht. Sie lächeln, teilen ihr Essen, ihre Geschichten und ihre Zeit mit Fremden wie mir. Morgens steigt Nebel über die Berghänge. In den Wäldern singen Zikaden, und irgendwo hoch oben in den Baumkronen bewegen sich wilde Affen durch ihr Zuhause.
Meinen Bericht möchte ich deshalb auch mit einem meiner schönsten Momente abschließen, der sich irgendwo im Nirgendwo auf einer abgelegenen Straße in Nordsumatra ereignete. Wir fuhren schon Stunden, still das verarbeitend, was schon war, und vorbereitend in Gedanken bei dem, was noch kommen möge. Dann schrie einer aus unserem Team plötzlich laut:
Wir steigen aus und sehen dutzende Makaken in den Bäumen über uns: frei, wild und unberührt. Eine riesige Gruppe, bestimmt 30-40 Tiere wirbeln durch die Baumkronen, von Ast zu Ast – fest umschlungen Muttertiere mit ihren Babys. Fast eine Stunde lang bleiben wir dort. Niemand spricht und doch spüren wir alle dasselbe: Erleichterung, Motivation, Mut.
Durch die zum Teil jahrelange Dokumentation von Affenqual fühlen wir uns emotional tief mit den Tieren verbunden. Wer immer wieder sieht, wie diese sozialen und uns Menschen so ähnlichen Wesen auf grausamste Art und Weise misshandelt, gefoltert, getötet werden, der kann sich kaum schönere Momente als diesen vorstellen: Ich habe immer wieder Gänsehaut am ganzen Körper, wenn ich an diesen Moment zurückdenke. Diese Leichtigkeit der wilden Affen gibt Kraft für all das.
Was bleibt
Nach vier Wochen Indonesien kehre ich mit Tausenden Bildern und Videos, unzähligen Gesprächen und Gelerntem – und vor allem auch vielem zurück, das mich nicht mehr loslassen wird. Mir ist hautnah bewusst geworden, wie fatal die Situation ist und wie dringlich wir unsere Hilfe ausbauen müssen, um das enorme Tierleid stoppen zu können. Es sind große Herausforderungen und Hürden zu nehmen. Eine davon ist sicher, dass wir nicht über alles sprechen können, das wir in Einsätzen wie diesem für Tiere tun. Wir müssen auf das Vertrauen unserer Unterstützerinnen und Unterstützer hoffen.
Liebe Tierfreundinnen und Tierfreunde, dieser Bericht war ein Versuch, einen Teil unserer Arbeit greifbar und verständlich zu machen, in den wir Sie nur so weit mitnehmen können, wie es der Schutz des Teams zulässt. Umso mehr hoffen wir auf die starke Unterstützung bei den Vorhaben – auch für jene Tiere, die leiden, wo kaum jemand hinschauen mag.
Denn die Tiere sind da und leiden – und es liegt an uns, dass diese Bilder …
So lange werden wir weitermachen – an Orten, die kaum jemand kennt oder erreicht, in Netzwerken, die kaum jemand sieht, und für Tiere, deren Stimmen sonst niemand hört.Bitte begleiten Sie uns dabei – erst Ihre Spende macht es möglich!
Ihre Spende rettet Affen
Nur mit Ihrer Unterstützung können wir diesen Einsatz leisten. Bitte helfen Sie!
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