Hunde im Iran: Zwischen grausamer Verfolgung und mutigen Protesten

Der Iran ist in Aufruhr. Die Sehnsucht nach Selbstbestimmung und Freiheit treibt seit Monaten ungehalten Hunderttausende Menschen auf die Straße. Der Wunsch der Protestierenden betrifft dabei aber nicht nur die persönliche Freiheit oder die von Freund*innen und Verwandten: Viele wünschen sich auch, dass mit politischem Wandel ein Ende der Verfolgung ihrer so geliebten Hunde einhergeht.

Mitarbeit Recherche und Text: Rebecca Klemm, Bundesfreiwilligendienstleistende

Hätten Sie es gewusst? Der Iran verabschiedete bereits 1948 ein Tierschutzgesetz und gehörte damit zu den ersten Ländern im Nahen Osten. Traditionell war es insbesondere in den ländlichen Gebieten des Landes sehr üblich, Hunde zu halten – als Wach- und Herdentiere beispielsweise. Später fanden Hunde auch immer häufiger als Haustiere in Städten ihren Platz, vor allem in den Mittel- und Oberschichten der Gesellschaft wurden bestimmte kleinere Hunderassen immer stärker nachgefragt.

Doch das sollte sich 1979 radikal ändern:

Mit der Islamischen Revolution und gewaltsamen Machtübernahme der Islamisten wurden strenge Regeln auferlegt. Der Chef der iranischen Polizei, General Esmail Ahmadi Moghadam, sagte 2011:

„Wir sind eine islamische Gesellschaft und Hunde sind dem Islam gemäß unreine Tiere. Sie dürfen nicht im Straßenbild auftauchen. Und dafür werden wir uns einsetzen.“

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Die Überzeugung, dass Hunde im Islam als unrein gelten, ist auch innerhalb der Religionsgemeinschaften nicht übereinstimmend und die verschiedenen Rechtsschulen praktizieren unterschiedliche Überzeugungen. Die „Unreinheit“ der Hunde ist nämlich nicht – wie oft behauptet – im Koran erwähnt.

Mina Therani schreibt darüber auf iranjournal.org, dass strenge Islamisten ihren Kampf gegen Haushunde und deren Halter*innen mit der islamischen Scharia rechtfertigen würden. Dabei sollen sich diese auf angebliche mündliche Überlieferungen des Propheten Mohammad und dessen Nachfolger berufen – Überlieferungen dieser Art:

  • “Wenn ein Gläubiger beim Beten auf seinem Kleid ein Hundehaar findet, ist sein Gebet ungültig. Er muss das Haar entfernen, erneut Waschungen vornehmen und noch einmal beten.“
  • „Die Engel betreten keine Wohnung, in der es einen Hund gibt.“
  • „Wenn ein Hund aus einem Gefäß getrunken hat, muss das Gefäß mit Erde gereinigt und anschließend dreimal gewaschen werden.“

Laut Therani würden einflussreiche Ayatollahs wie Makarem Shirazi Hundehaltung zudem als „blinde Nachahmung der westlichen Kultur“ bezeichnen und für die Bestrafung der Halter*innen plädieren.

Der Ideologie folgend, dass Hunde unrein sind, ergreifen die Behörden im Iran seit jeher harte Maßnahmen gegenüber den Tieren: Das Tierschutzgesetz wurde außer Kraft gesetzt und immer wieder neue, noch schärfere Gesetzesentwürfe eingebracht, die insbesondere für Hundehalter*innen drakonische Strafen vorsehen. Das Gassigehen in der Öffentlichkeit ist bereits streng verboten – aber einige fordern sogar noch härtere Gesetze. 2021 entstand unter dem Präsidenten Ebrahim Raisi ein weiterer Gesetzesentwurf unter dem Titel „Protection of the Public Rights Against Animals“, zu Deutsch in etwa: „Schutz der Bevölkerung vor Tieren“. Darin heißt es:

  • Der Import, Kauf, Verkauf und Transport von jeglichen Tieren wie Hunden, Katzen aber auch Klein- und Wildtieren wird illegal. Bei Verstößen ist mit hohen Geldstrafen bis zu 2.500 Euro sowie einer Beschlagnahmung des Tieres zu rechnen.
  • Das Gassigehen in der Öffentlichkeit wird mit bis zu drei Monaten Haft bestraft.
  • Alle als Haustiere gehaltenen Hunde müssen offiziell registriert werden und Halter*innen eine Haltungslizenz erlangen.

Viele Menschen trauen sich mittlerweile kaum mehr mit ihren Hunden auf die Straße, da sie Angst vor Geld- oder Haftstrafen haben oder befürchten müssen, dass ihre Hunde weggenommen und getötet werden.

Systematische Tötung der Tiere „zum Schutz der Bevölkerung“

Die Ängste sind nicht von der Hand zu weisen: In vielen Städten werden Hunde systematisch durch „Säuberungsaktionen“ der Behörden gefangen, auf offener Straße geschlagen, erschossen oder vergiftet. Erst im Sommer 2022 – kurz vor Beginn der bis heute anhaltenden Proteste – verbreiteten unterschiedliche lokale Aktivist*innen in sozialen Netzwerken die Nachricht einer Tötung in der Nähe von Teheran. Der Aufschrei wurde lauter, je mehr auch die Umstände bekannter wurden:

  • Mehr als 1.500 Streunerhunde sollen brutal gefangen und getötet worden sein. Das Personal des nahegelegenen lokalen Tierheims soll den Berichten zufolge eingesperrt worden sein, sowie Zufahrtsstraßen versperrt gewesen sein – damit niemand die Tötungen verhindern würde.

In sozialen Netzwerken und auf Blogs kursieren schon seit Jahren, aber aktuell noch vermehrte Berichte derartiger Aktionen. Nach Dokumentationen lokaler Tierschützer*innen kämen so tausende Tiere zu Tode – darunter Streuner-, aber auch Haushunde, die zuvor den Halter*innen entwendet worden sind.

Aber die Tierliebe der Iraner*innen hält an:

Wenngleich seit Jahren verfolgt und unterdrückt, halten bis heute zahlreiche Menschen im Iran und insbesondere in den Großstädten zu ihren geliebten Hunden – auch im Bewusstsein, damit ein Risiko einzugehen. Die Werte, die in den Gesetzen vertreten werden, würden nicht die Mehrheit der iranischen Bevölkerung repräsentieren, sondern die der Vertreter des Regimes, sagt Donya Farahani, Moderatorin auf EinsLive, in einem aktuellen Instagram-Video und fragt:

„Wenn Menschenleben schon keinen Wert haben, glaubst du Hundeleben haben einen?“

Und sie fordert:

„Sei die Stimme der Menschen, sei die Stimme der Tiere.“

Wir stehen fest an der Seite der mutigen Menschen und ihren Tieren. Die Unterdrückung der Menschen sowie die Gewalt gegen Tiere sind inakzeptabel und müssen sofort stoppen.

Deshalb bitten wir auch alle Leser*innen: 

Schauen Sie hin!

Seien Sie mit Ihrer Aufmerksamkeit und in Gedanken bei den vielen Menschen, die aktuell unbändigen Mut zeigen und nicht nur für ihre Freiheit und Selbstbestimmung, sondern auch für das friedliche Zusammenleben mit ihren Tieren demonstrieren.