Hochleistung um jeden Preis?

In den meisten deutschen Kuhställen steht heute die Holstein-Friesian. Diese Rasse wurde sehr stark auf hohe Milchleistung gezüchtet. Gekoppelt an den enormen Einsatz von nicht artgerechtem Kraftfutter geben diese Kühe in Hochphasen mehr als 50 Liter Milch am Tag – fast doppelt so viel wie noch vor 40 Jahren.

Milchhöchstleistungen belasten jedoch den Organismus, das Risiko für Erkrankungen steigt. Die Folgen sind Fruchtbarkeitsprobleme, Stoffwechselstörungen, Euter- und Klauenerkrankungen. Viele Milchkühe werden daher vorzeitig nach gerade einmal einem Viertel ihrer natürlichen Lebenserwartung von 20 Jahren geschlachtet.

Milchkuhbetriebe im Optimierungsrausch

Befürworter der industriellen Landwirtschaft sehen zwar Handlungsbedarf bei den Themen Gesundheit und Tierwohl, möchten jedoch keinesfalls Leistungseinbußen hinnehmen. Schließlich müsse der hohe Milchbedarf ja irgendwie gedeckt werden. Die durch die enorme Milchleistung auftretenden Probleme sollen zum Beispiel durch ein besseres, automatisiertes Fütterungsmanagement mit gleichbleibenden, ausgeglichenen Futterrationen gelöst werden. Verständlich, dass der Gang auf die Weide hier nicht reinpasst. Mehr als die Hälfte der 4,3 Millionen in Deutschland lebenden Milchkühe hat keinen Weidezugang mehr – aus Zeit- und Kostengründen
oder weil eine schwankende Qualität und Zusammensetzung des Futters die Milchleistung schmälern könnte. Die ganzjährige Haltung im Stall nimmt auch deshalb zu, um potentielle Risikofaktoren für verschiedene Krankheiten, die durch Umwelteinflüsse entstehen, zu minimieren.

Weitere Optimierungsmaßnahmen dieser Art werden diesen November wieder in Hannover vorgestellt: Fachexperten und Praktiker aus der Landwirtschaft treffen sich in Abständen von zwei Jahren, um auf der EuroTier – der weltgrößten Fachmesse für Tierhaltung und Management – technische Neuerungen und Produktionssysteme in der Tierhaltung zu diskutieren.

Lebewesen oder Maschine?

Doch wollen wir wirklich die Optimierung der Kuh zur reinen Produktionsmaschine? Ist uns als Verbraucher ein niedriger Milchpreis so wichtig, dass wir unseren Respekt vor diesen besonderen Tieren so leichtfertig aufgeben? Im krassen Widerspruch zu der modernen, hochtechnisierten Landwirtschaft stehen die idyllischen Natur-Werbebilder auf den Verpackungen von Milchprodukten. Die Realität der Haltungsbedingungen von Milchkühen ist uns Verbrauchern häufig fremd. Weite grüne Wiesen auf Milchverpackungen suggerieren ja etwas gänzlich anderes. Selbst informierte Mitbürger, die mehr Tierwohl fordern, greifen im Supermarkt deshalb zur preisgünstigsten Milch.

Der Wille zum Tierwohl – nicht mehr als ein Lippenbekenntnis?

Was gilt es also zu tun, wenn die moderne Landwirtschaft aufgrund ökonomischer Zwänge für die Milchhochleistung argumentiert, Tierschutz als Vermenschlichung der Tiere abgetan wird und der Verbraucher zwar eigentlich gern mehr für Tierwohl ausgeben würde, letztlich aber doch unsere „Geiz ist geil“-Mentalität und fehlende Transparenz das Einkaufsverhalten bestimmen?

Obwohl der Tierschutz seit dem Jahr 2002 im Grundgesetz verankert ist, gibt es bis heute keine gesetzliche Haltungsverordnung speziell für Milchkühe, die tiergerechte Mindeststandards vorschreibt und den Bedürfnissen der ursprünglichen Weidegänger und Grasfresser Rechnung trägt. Hier ist politisches Handeln gefragt. Nicht nur auf Gesetzesebene, sondern auch durch Förderprogramme, die eine nachhaltige Landwirtschaft und einen verantwortungsvolleren Umgang mit den Tieren ermöglichen, und durch Transparenz beim Einkauf. Nur so bleibt der Wille zu mehr Tierwohl kein Lippenbekenntnis.

3 thoughts on “Hochleistung um jeden Preis?

  1. Heike Terbeck Reply

    An alle Mütter: Kühe fühlen ganz genau wie du. Stell dir vor dir hätte man dein baby nach der Geburt wegnenommen (damit deine milch verwertet werden kann). Ist das nicht irre?!

    An alle Menschen: kennt ihr das Sprichwort „was du nicht willst was man dir tut, das füg auch keinem anderen zu!“?
    Mit anderen sind auch Lebewesen gemeint die nicht deine Sprache sprechen. Ob das jetzt Inuits sind, Portugiesen, Italiener, Japaner oder Pferde, Hunde, Katzen, Kühe, Schweine…jawohl, mit jedem kann man kommunizieren, jeder hat dieselben Gefühle, die vielleicht nur durch andere Erfahrungen ausgelöst werden. Und vielleicht durch dieselben, was zu entdecken wäre… Tut Euch zusammen! Liebe Grüsse, Heike

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