Die weltweit erste internationale Konferenz zum Thema Online-Tierquälerei brachte mehr als 130 Teilnehmende aus 30 Ländern zusammen – darunter Regierungen, Plattformen, Strafverfolgungsbehörden, Forschende, Veterinärmediziner*innen und Tierschutzorganisationen wie uns, die Welttierschutzgesellschaft. Sie war die Bestätigung, dass ein Thema, für das wir uns seit Jahren einsetzen, inzwischen weltweit als ernstzunehmende gesellschaftliche, politische und digitale Herausforderung wahrgenommen wird. Und sie brachte Ergebnisse, von denen wir Ihnen hier im Rück- und Einblick berichten:
Die Kampagne #StopptTierleid in sozialen Netzwerken ist eine Initiative der Welttierschutzgesellschaft (WTG), die am 4. Oktober 2020 gestartet wurde. Unser Ziel ist es, die verherrlichende und verharmlosende Darstellung von Tierleid in sozialen Netzwerken zu stoppen. Ausgangspunkt der Kampagne ist die Beobachtung, dass Tierquälerei auf Plattformen wie YouTube, TikTok, Facebook oder Instagram oftmals nicht nur gezeigt, sondern durch Klicks, Likes, Kommentare und Empfehlungsalgorithmen zusätzlich verbreitet und teilweise sogar monetarisiert wird. Es wird zudem Tierleid für Klicks und Reichweite produziert.
Mit der Kampagne verfolgen wir drei zentrale Ziele:
Verantwortung der Plattformen stärken: Soziale Netzwerke sollen ihre Gemeinschaftsstandards ausdrücklich um Tierleid ergänzen und Moderator*innen entsprechend schulen.
Gesetzliche Regelungen schaffen: Wir fordern eine rechtliche Grundlage gegen die verherrlichende und verharmlosende Darstellung von Tierleid.
Nutzer*innen sensibilisieren: Durch Informationsmaterialien und Leitfäden sollen Menschen Tierleid erkennen, melden und verantwortungsvoll mit entsprechenden Inhalten umgehen können.
Seit dem Start haben wir im Rahmen der Kampagnenarbeit zahlreiche politische Gespräche geführt, den Austausch mit Plattformbetreibern angestoßen sowie durch Öffentlichkeitsarbeit und Medienarbeit das Thema in die Gesellschaft getragen.
SMACC steht für Social Media Animal Cruelty Coalition. Die Koalition ist ein Programm der Asia for Animals Coalition und wurde 2022 gegründet, um gegen Tierquälerei vorzugehen, die über soziale Medien verbreitet, verstärkt oder monetarisiert wird. SMACC bringt zahlreiche internationale Akteure zusammen, darunter Tierschutzorganisationen, Forschende, Veterinärmediziner*innen, Strafverfolgungsbehörden, Plattformen und politische Entscheidungsträger*innen.
Für die WTG und die Kampagne #StopptTierleid ist SMACC ein wichtiger internationaler Partner. Viele Themen, die innerhalb von SMACC diskutiert werden – etwa die Verantwortung sozialer Netzwerke, die Rolle von Algorithmen, die Notwendigkeit gesetzlicher Regelungen oder die Bekämpfung von Affenqual- und „Crush“-Inhalten – stehen bereits seit vielen Jahren auch im Mittelpunkt der Kampagnenarbeit der WTG.
SMACC bringt diese Themen in den globalen Kontext und schafft das weltweit führende Netzwerk zur Bekämpfung von Tierquälerei in sozialen Medien. Mit gebündelten Kräften arbeiten wir gemeinsam daran, mit Regierungen, Plattformen und Zivilgesellschaft Lösungen zu gestalten.
Wiebke Plasse ist Leiterin Kommunikation der WTG und Verantwortliche für die Kampagne #StopptTierleid in sozialen Netzwerken. Sie hat am SMACC Global Summit 2026 auf Bali teilgenommen und eine der Sessions (5) moderiert:
Was war der SMACC Global Summit 2026?
Der SMACC Global Summit 2026 auf Bali war die weltweit erste internationale Konferenz, die sich ausschließlich mit Online-Tierquälerei befasste. Unter dem Motto „Building Cross-Sector Collaboration to End Online Animal Cruelty“ (deutsch: „Sektorübergreifende Zusammenarbeit zur Bekämpfung von Tierquälerei im digitalen Raum“) wurde über Themen wie Affenhass, Wildtierausbeutung, Algorithmen, Künstliche Intelligenz, digitale Ermittlungen, Plattformverantwortung und gesetzliche Rahmenbedingungen diskutiert. Ziel war es, Online-Tierquälerei zu dokumentieren, ihre Ursachen zu analysieren und gemeinsam Lösungen in den Bereichen Technologie, Plattform-Moderation, Strafverfolgung, Gesetzgebung und Aufklärung zu entwickeln.
Bereits in ihrer Eröffnungsrede machte Nicola O’Brien, Lead Coordinator von SMACC, deutlich, wie stark die Bewegung gewachsen ist. SMACC zählt mittlerweile 49 Mitgliedsorganisationen. Eindrücklich schilderte sie auch ihre Einordnung von Online-Tierquälerei als eine Art Frühwarnsystem für gesellschaftliche Fehlentwicklungen. Sie betonte die Bedeutung eines systemischen Ansatzes: Nicht einzelne Inhalte stehen im Mittelpunkt, sondern die Entwicklung von effektiver Gesetzgebung, deren Umsetzung sowie die zugrundeliegenden digitalen Strukturen. Gleichzeitig wurde deutlich, welches Potenzial neue Technologien und insbesondere KI bei der Bekämpfung von Tierleid im Internet haben können.
Ein wiederkehrendes Motiv der Konferenz lautete: „Es kann auch in Ihrem Land passieren“. Sasa Vernandes von Sintesia Animalia Indonesia machte damit etwa deutlich, was wir auch hierzulande dokumentieren: Das Tierleid, das in sozialen Netzwerken verbreitet wird, erfährt überall Nachfrage – auch in Deutschland. Die Inhalte werden geliked, kommentiert, verbreitet und zum Teil sogar beauftragt. Online-Tierquälerei ist also kein lokales Phänomen, sondern ein globales Problem, das Grenzen, Plattformen und Rechtsräume überschreitet. Das zeigt, dass systematische Probleme wie dieses auch systematische Antworten benötigen. Genau diese Erkenntnis und grundlegende Bewertung des Themas im globalen Kontext zog sich durch nahezu alle Sessions.
Video-Aufzeichnungen verfügbar:
Sie können die beiden Summit-Tage auch digital nachsehen. Die Mitschnitte bieten einen umfassenden Einblick in die Diskussionen rund um Online-Tierquälerei, Plattformverantwortung, Künstliche Intelligenz, digitale Ermittlungen, Gesetzgebung und internationale Zusammenarbeit. Sie zeigen eindrucksvoll, wie unterschiedliche Akteur*innen – von Regierungen und Strafverfolgungsbehörden über Technologieunternehmen und Plattformen bis hin zu Tierschutzorganisationen – gemeinsam nach Lösungen suchen. Die Aufzeichnungen sind eine wertvolle Ressource, um die Sessions nachzuverfolgen und in die Diskussionen und Thematiken einzusteigen.
Bitte schauen Sie die Aufzeichnungen nach Möglichkeit an und tragen Sie mit dazu bei, dass die Impulse des Summits weit über die zwei Veranstaltungstage hinaus Wirkung entfalten.
Mehrere Sessions widmeten sich der Frage, wie Täter*innen identifiziert und strafrechtlich verfolgt werden können. Juristische Expert*innen wiesen darauf hin, dass die Verantwortlichen häufig hinter anonymen Profilen verborgen bleiben. Gleichzeitig berichteten Ermittler*innen und Organisationen über erfolgreiche Vorgehensweisen. Besonders eindrucksvoll war die Präsentation von Animals Asia in Vietnam, die 128 YouTube-Kanäle mit insgesamt 73 Millionen Abonnent*innen mit Inhalten zu Affen-Qual dokumentieren konnten. Ein Satz blieb mir in dieser eindrucksvollen Session besonders im Gedächtnis:
„Hinter jedem Babyaffen auf dem Bildschirm steckt ein totes Muttertier in der Wildnis.“
Ein weiterer Schwerpunkt war die Gesetzgebung. Winaya Tippy von SMACC stellte internationale Entwicklungen vor, darunter den Digital Services Act (DSA), Online-Safety-Gesetze sowie die Möglichkeit eines internationalen Rahmens auf Grundlage bestehender UN-Konventionen. Für mich war besonders relevant, dass die Diskussion zunehmend weg von Einzelfällen und hin zu strukturellen Lösungen führt – ein Ansatz, den wir bei der WTG auch seit Jahren vertreten.
Zum Thema Ermittlungen und Strafverfolgung gab es weitere spannende Sessions. Besonders inspirierend fand ich die Beiträge von Shalimar Oliver von Humane World for Animals US und weiteren Expert*innen zur Frage, wie Online-Beweise erfolgreich in Strafverfahren überführt werden können. Die zentrale Botschaft lautete: Erfolgreiche Ermittlungen brauchen Zeit, Vertrauen und enge Zusammenarbeit zwischen NGOs, Strafverfolgungsbehörden und Medien. Eine wichtige Betonung lag auch darauf, dass Tierquälerei häufig mit anderen Kriminalitätsformen wie häuslicher Gewalt, Drogenhandel oder organisierter Kriminalität einhergeht.
Sehr ermutigend war zudem die starke Unterstützung durch die indonesische Regierung. Vertreter verschiedener Ministerien betonten ihre Bereitschaft zur Zusammenarbeit. So wurde berichtet, dass das Ministerium für Kommunikation und Digitales sowie das Forstministerium ein gemeinsames „Memorandum of Understanding“, also eine Absichtserklärung unterzeichnet haben, in der sie sich zum Einsatz gegen Tierleid auf Social Media positionieren. Zudem wird das bereits auf Bali bestehende Verbot von Primaten als Haustiere nun auf nationaler Ebene weiter vorangetrieben. Auch Polizei und Cybercrime-Einheiten sind bereits eingebunden und berichteten – in vertraulicherem Rahmen – von ihrem Vorgehen, Entwicklungen und nächsten Schritten.
Besonders spannend und lösungsorientiert waren auch Beiträge zu den Mechanismen digitaler Plattformen. Russell Gray von der Global Initiative Against Transnational Organized Crime zeigte eindrucksvoll auf, wie Nachfrage Tierleid erzeugt. Plattformen verstärken problematische Inhalte nicht nur über Suchanfragen, sondern vor allem über Empfehlungssysteme. Nutzer*innen werden oftmals passiv mit entsprechenden Inhalten konfrontiert, weil Algorithmen sie als „passend“ einstufen. Zudem spielen Transaktionssignale und Monetarisierung eine zentrale Rolle. Diese Erkenntnisse unterstreichen, dass die Bekämpfung von Tierleid nicht bei einzelnen Videos enden darf, sondern die technischen Systeme dahinter adressieren muss.
Auch der Vortrag von Sigurdur Ingi Ragnarsson zeigte eindrucksvoll, welches Potenzial technische Lösungen haben: Das Konzept des Visual Fingerprinting (#Hashing) könnte dabei helfen, bereits identifizierte Tierquälerei-Inhalte plattformübergreifend zu erkennen und zu stoppen. Der Satz beschreibt das gut:
„Um etwas zu kriegen, musst du es erstmal finden“.
Von großer Bedeutung waren hierbei auch die Beiträge der Plattformen selbst. YouTube stellte seine aktuellen Maßnahmen vor und betonte, dass Tierquälerei ein relevantes Handlungsfeld sei. Angesichts von rund 20 Millionen täglich hochgeladenen Videos und 500 Minuten neuem Videomaterial pro Minute seien automatisierte Systeme unverzichtbar. Laut YouTube werden bereits 95 Prozent problematischer Inhalte automatisiert erkannt.
Darüber hinaus wurde die Zusammenarbeit mit SMACC und Mitgliedsorganisationen gelobt, um auch schwerer erkennbare Formen psychischer Tierquälerei künftig besser identifizieren zu können. Selbigem schloss sich – auch in direktem Austausch – ein Vertreter von TikTok an.
Besonders wichtig zu betonen ist zudem meine eigene Session, die ich ausgestalten und moderieren durfte:
KI, Tierquälerei und die Zukunft des Tierschutzes
Gemeinsam mit Stephanie Klausen von World Animal Protection Dänemark und dem Technologieexperten Robbie Locke diskutierten wir die Chancen und Risiken künstlicher Intelligenz. Im interaktiven Format „Fake or Real?“ zeigte sich deutlich, wie schwer es vielen Menschen inzwischen fällt, KI-generierte und echte Tierinhalte voneinander zu unterscheiden.
Im Plenum und einer offenen Fragerunde diskutierten wir auch eine zentrale Frage: Warum sind KI-generierte Inhalte problematisch, selbst wenn kein reales Tier direkt verletzt wird?
Die Antworten waren eindeutig im Fazit: vielfache Gründe sprechen für ein klares Ja, etwa die Förderung unrealistischer Erwartungen, die Verstärkung der Nachfrage nach Wildtieren, die Gefahr durch Spendenbetrug und gefälschte Rettungsaktionen. Die lebhafte Diskussion sowie die anschließende Fragerunde haben gezeigt, dass das Thema auf großes Interesse stößt und uns fortan intensiver beschäftigen muss.
Neben den offiziellen Programmpunkten waren für mich insbesondere aber auch die zahllosen persönlichen Begegnungen wertvoll: Der Aufbau neuer Koalitionen, vertrauliche Gespräche mit Ermittler*innen, Regierungsvertreter*innen und Technologieexpert*innen sowie der offene Austausch über Lösungen mit anderen Organisationen machten die Konferenz außergewöhnlich produktiv.
Ein besonderes Augenmerk möchte ich hier auch auf das Thema Affen-Hass legen. Hier geht es um Inhalte, die wir in großen Teilen ganz bewusst nicht nach außen kommunizieren, da allein die textliche Aufarbeitung der immensen Grausamkeiten verstörend ist. Immer wieder werden wir zurecht gefragt, wie man es aushalten kann und das Sichten, Dokumentieren und Analysieren solch grausamer Gewalttaten verarbeitet. Auch dahingehend bestätigte sich auf dem Summit die Antwort: Austausch. Wir nahmen uns innerhalb unserer Arbeitsgruppe viel Raum, um über die Methoden im Umgang zu sprechen und wie man langfristig mit der psychischen Belastung dieser Arbeit umgehen kann. Auch schmerzliche Fragen wie „Was passiert, wenn wir keinen Erfolg haben?“ wurden besprochen und zeigen, wie herausfordernd dieses Engagement sein kann. Diese enge Verbundenheit gibt Stärke. Darüber hinaus brachten wir einige nächste Schritte auf den Weg.
Am Ende habe ich Bali mit einem Gefühl von Stolz und Stärke verlassen.
Der Summit hat deutlich gemacht, dass Online-Tierquälerei schon lange kein Randthema mehr ist. Sie ist ein Thema der Plattformen, der Strafverfolgung, der Gesetzgebung und der digitalen Sicherheit. Und wir als WTG sind mit unserer Kampagnenarbeit federführend. In vielen Gesprächen wurde deutlich, dass wir mit unserer Arbeit bereits früh Pionierarbeit geleistet haben. Viele der Themen, die heute auf internationaler Ebene diskutiert werden, beschäftigen uns bereits seit Jahren. Insbesondere bei den Themen Affenqual, den inszenierten Tierrettungen in Uganda, „Animal Crush“ sowie bei der Entwicklung gesetzlicher Rahmenbedingungen konnten wir zielführend unsere Erfahrungen und Erkenntnisse einbringen. Auch unsere Gesetzesinitiative durch die Novellierung des Tierschutzgesetzes (§17a) oder den §131 im Strafgesetzbuch wurde als relevantes Gerüst für zukünftige regulatorische Ansätze in weiteren Ländern wahrgenommen.
Für mich persönlich war deshalb eine der wichtigsten Erkenntnisse: Wir sind eine internationale Bewegung, die erfolgreich auch Regierungen, Plattformen und Strafverfolgungsbehörden einbezieht. Der SMACC Global Summit 2026 war deshalb nicht nur ein Meilenstein für den globalen Tierschutz, sondern auch eine Bestätigung dafür, dass beharrliches Engagement langfristig Veränderungen anstoßen kann.
Jetzt gilt es, die entstandenen Kontakte, Ideen und Kooperationen in konkrete Ergebnisse für Tiere weltweit zu übersetzen. Das gehen wir mit voller Stärke an!
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