Die Rückkehr großer Wildtiere in menschliche Siedlungsnähe stellt viele europäische Länder vor Herausforderungen. Rumänien, Heimat der größten Braunbärenpopulation Europas, steht dabei besonders im Fokus des Konfliktes zwischen Menschen und Bären. Die gesellschaftliche Debatte über den richtigen Umgang ist emotional aufgeladen und reicht von Forderungen nach verstärkter Jagd bis hin zu Appellen für mehr Prävention und friedlicher Koexistenz.
Gesetzgebung seit 2016
Im Oktober 2016 erlies das rumänische Umweltministerium ein landesweites Jagdverbot auf Braunbären. Diese Maßnahme war eine Reaktion auf die Kritik an der kommerziellen Trophäenjagd, bei der jährlich mehrere Hundert Bären legal erlegt wurden. Ziel war es, die Population zu stabilisieren und eine wissenschaftlich fundierte Bestandsaufnahme zu ermöglichen.
Bereits 2018 wurde das Verbot durch den „Nationalen Aktionsplan zum Schutz und Erhalt des Braunbären“ teilweise gelockert. Unter bestimmten Bedingungen, etwa bei Angriffen auf Nutztiere oder Eindringen in Siedlungen, war der Abschuss wieder erlaubt.
Ab 2021 erfolgte die schrittweise Wiedereinführung regulierter Abschussquoten, weil die Zahl der (auch tödlichen) Konflikte zwischen Mensch und Bären kontinuierlich zunahm. Im Jahr 2024 wurde die Quote drastisch erhöht: Das Parlament genehmigte die Tötung von 481 Bären, davon 426 zu präventiven Zwecken und 55 als Intervention bei akuten Gefahrenlagen. Diese Entscheidung folgte auf einen tödlichen Angriff eines Bären auf einen Wanderer in den Karpaten.
Grundsätzlich zeigen Braunbären ein zurückhaltendes Verhalten gegenüber Menschen. Sie meiden in der Regel menschliche Siedlungen sowie stark frequentierte Straßen und reagieren meist scheu oder gleichgültig auf menschliche Aktivitäten. Allerdings sind sie intelligente und lernfähige Opportunisten, die bei der Nahrungssuche bevorzugt einfache und leicht zugängliche Quellen nutzen. Mithilfe ihres ausgeprägten Geruchssinns spüren Bären menschliche Nahrungsmittel, Obstplantagen, Abfallbehälter oder ungeschützte Nutztiere auf.
Kommt es zu extremen Wetterereignissen wie Dürren, die zu Nahrungs- und Wasserknappheit führen, kann dies Braunbären dazu veranlassen, sich verstärkt in die Nähe menschlicher Siedlungen zu begeben, um dort nach Nahrung zu suchen. Dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit von Begegnungen und potenziellen Konflikten zwischen Mensch und Tier.
Macht der Bär zudem wiederholt die Erfahrung, dass von menschlichen Gerüchen und Geräuschen keine reale Gefahr ausgeht, verliert er allmählich seinen natürlichen Fluchtinstinkt.
Haben sich weibliche Bären bereits an die Nähe des Menschen gewöhnt, geben sie diese Erfahrung während der Aufzucht auch an ihren Nachwuchs weiter. Dadurch entsteht über Generationen hinweg ein Verhalten, bei dem immer mehr Bären die natürliche Scheu vor Menschen verlieren und sich häufiger in deren Nähe aufhalten.
Wissenschaftlich wird das Verhalten von Braunbären in vier Kategorien eingeteilt: „ungefährlich“, „kritisch“, „gefährlich“ und „sehr gefährlich“. Diese Einordnung dient als Orientierung, ersetzt jedoch nicht die individuelle Bewertung jeder Begegnung, denn das Verhalten eines Bären hängt stets von der jeweiligen Situation und dem einzelnen Tier ab.
Kategorisierung des Verhaltens von Braunbären nach Gefährdungspotenzial
Ursachen für Mensch-Bär-Konflikt in Rumänien
Klimawandel und verändertes Verhalten
Extreme Wetterbedingungen beeinflussen zunehmend das Verhalten von Wildtieren. Die meisten Winter der vergangenen Jahre waren europaweit außergewöhnlich mild, der Februar 2024 war in Rumänien beispielsweise der wärmste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen. Solche klimatischen Veränderungen führen dazu, dass Bären ihre Winterruhe unterbrechen oder gar nicht erst halten. Dies erhöht ihren Energiebedarf und zwingt sie, auch in der kalten Jahreszeit aktiv nach Nahrung zu suchen, häufig in der Nähe menschlicher Siedlungen
Im Gegensatz dazu brachte der Februar 2025 einen plötzlichen Kälteeinbruch mit Temperaturen bis -20 °C, gefolgt von Schneefällen bis in den Mai hinein. Diese extremen Schwankungen führten dazu, dass Bären aus höher gelegenen Regionen der Karpaten in tiefere Lagen wanderten, um dort Nahrung wie frisches Gras auf immer häufigem vorkommendem überwucherndem Weiden zu finden.
Durch Infrastrukturmaßnahmen wie den Straßenbau werden die von Bären besiedelten Lebensräume zunehmend fragmentiert. Gleichzeitig gefährden sowohl legale als auch illegale Nutzungen der rumänischen Wälder, etwa durch intensive Forstwirtschaft und Bauprojekte, die ökologische Grundlage dieser Tiere. Beispielsweise liegt der jährliche Holzeinschlag deutlich über dem gesetzlich erlaubten Volumen. Besonders alarmierend ist, dass auch Schutzgebiete wie Natura-2000-Zonen und Nationalparks von der Abholzung betroffen waren.
Ein weiterer Faktor ist der Rückgang traditioneller Landnutzung. In der Region Rucăr etwa führt die Abwanderung junger Menschen in Städte dazu, dass ehemals bewirtschaftete Flächen brachliegen. Ohne Ziegen- oder Schafherden wachsen diese Flächen zu, wodurch sich die Wildnis ausbreitet und mit ihr die Lebensräume der Bären.
Anfütterung
Obwohl gesetzlich verboten, werden in einigen Regionen Rumäniens Bären immer noch angefüttert, sei es zur besseren Sichtbarkeit für Tourist*innen und Jäger oder infolge unsachgemäßer Müllentsorgung.
Das Libearty Bärenschutzzentrum in Zărnești bietet eine tiergerechte, lebenslange Unterbringung für Braunbären, die zuvor unter tierschutzwidrigen Bedingungen in Zoos, Zirkussen oder in Privathaltung leben mussten.
Aktuell finden dort 130 gerettete Bären (Stand: März 2026) ein naturnahes Zuhause mit Rückzugsorten, Schwimmbecken und Winterschlafplätzen.
Am 18. Oktober 2025 feierte das Zentrum sein 20-jähriges Jubiläum. Die WTG ist seit der ersten Stunde mit dabei und unterstützt das Projekt bis heute.
Im Rehabilitationsprojekt Bear Again werden verwaiste Jungbären bis zu einem Alter von bis zu sechs Monaten aufgenommen, rehabilitiert und im darauffolgenden Jahr wieder ausgewildert.
Während der Rehabilitation wird der Kontakt zum Menschen minimiert, um die natürlichen Instinkte der Tiere zu fördern und künftige Konflikte zu vermeiden.
Die WTG unterstützt Bear Again seit 2023.
Außerdem finanziert die WTG die Arbeit einer weiteren Organisation für präventive und konfliktmindernde Maßnahmen wie den Bau von Elektrozäunen sowie die Ausstattung und Unterstützung von Interventionsteams, um gemeinsam mit der ländlichen Bevölkerung an Lösungen für eine sichere Koexistenz von Mensch und Bär zu arbeiten.
Gemeinsam gilt es, diese lebensrettende Hilfe für Bären in Rumänien aufrechtzuerhalten. Liebe Tierfreundinnen und Tierfreunde, bitte helfen Sie uns dabei! Mit Ihrer Spende können wir ein friedliches Miteinander von Mensch und Bär in Rumänien fördern.
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